Mathias Schüller – Wodka Wodka Superstar (Cactus Rock Records)

 

 Nanu, was ist denn hier los? Die Tracklist von Mathias Schüllers neuem Album "Wodka Wodka Superstar" weist lauter englischsprachige Titel auf. Auf dem Coverartwork blickt er uns bunt-schillernd entgegen mit einer Zeigefinger-vor-den-Mund-Geste, die wohl zwischen 'Ruhe bitte' und 'Klappe halten' einzuordnen ist. Von der Klappe zum Aufklappen des knallgelben Digipacks, das den Blick auf die koloriert graphisch gestalteten Augen des Liedermachers freigibt. Macht der jetzt Pop? Auf englisch? Bricht er mit seiner Vergangenheit? Erfindet er sich neu? Von allem ein wenig und es kommt doch ganz anders. Je mehr sich verändert umso mehr bleibt alles beim Alten. Obwohl einen der erste Song dann doch schier umhaut. "Hussy Hicks" brettert ganz schön heavy nach vorne, die Stimme jedoch ist unverkennbar die des Protagonisten und er singt auf Deutsch: "Hussy Hicks/Deine Tricks Deine Geschichten Deine List/Bleib auf dem Teppich und beweg dich nicht". Schüller fordert von Beginn an die Aufmerksamkeit des Zuhörers ein. Das Einstiegslied überzeugt mit einem zündenden Mix aus Post-, Roots- und Heavy-Rock. Klar, dass beim "Rose Garden" eine gewisse Rose den Chorgesang beisteuert und die harte Tour des Einstiegssongs zumindest ansatzweise ausbremst. Ein nachdenkliches, bitterböses semi-akustisches Liebeslied mit unterschwelliger Rock-Attitüde. Doch Schüller hat uns keinen Rosengarten versprochen, er mutiert zum "Wodka Wodka Superstar". Der Held des Titelsongs ist ein Superstar der speziellen Art, der sich mit Betäubungsmitteln jeglicher Couleur auskennt: Fußball, YouTube, Netflix usw. und eben Wodka. Musikalisch bewegt sich Schüller hier zwischen Ryan Adams und Velvet Underground, die er neben einigen anderen als Inspirationsquellen angibt. Da hat sicher auch das letzte Album von Songs To The Siren einen Beitrag geleistet, denn die Band vom Niederrhein interpretierte 2019 die dritte Velvet Underground Platte mit Schüller als eindrucksvollen Schlagzeuger, Background Sänger und Gitarristen. Eine ähnliche Struktur wie das Titelleid hat „Ed Zeppelin“, dagegen fährt „Dead End“ den Karren mit Post- und Synthie-Rock gegen die Wand. „Water & Sand“ ist eine schmeichelnde, himmelblaue Akustikballade: „Verschwende deine Jugend komm wir heben ab“, um zwei Zeilen später mit dunkleren Worten zu spielen: „Die Zeit nahm mir die Flügel/Du bist verschwunden wie ein Dieb“. Die elektrischen und akustischen Gitarren perlen, ein bittersüßes Schwelgen: „Leise aus der Ferne klingen traurig schöne Lieder“. Aus allen Träumen reißt uns „Mad Max“. Bohrender Synthie-Lärm, der sich schließlich mit der Akustikgitarre versöhnt, dazu gesellt sich eine Heavy-Rock-Gitarre und Mathias fragt: „Wie viel kostet wohl ein Leben/Was ist es wert was ist der Preis“. Letzte Fragen und keine Antworten hat das Album parat, dafür Umschreibungen, die einem kalte Schauer über den Rücken jagen: „Wer steuert das System/Komm doch raus aus dem Versteck/Soll das hier alles vor die Hunde gehen/Mad Max“. Mit Wodka alleine begnügt sich Schüller nicht, als nächstes schenkt er uns einen „Banana Whiskey“ ein: „Amerika hat viele wilde Tiere/Das gefährlichste heißt wohl Donald Duck“. Musik ist Trump(f)! Zum Abschluss dreht uns der Liedermacher ein Roadmovie namens „Dear Wolf“. Eine ellenlange Ballade (10:15 Minuten), die uns „From Chicago to LA“ auf die Reise schickt. Mit akustischen und elektrischen Klängen halluzinieren wir mit Schüller seine und unsere eigenen Bilder. Ein ewiger psychedelischer Folk-Blues, der den Horizont erweitert, verschleiert, öffnet und wieder verschließt. Das große kleine Meisterstück zum Finale. Mathias Schüllers neue Platte ist sein bereits sechstes Solo-Album. Dass er noch lange nicht am Ende seiner Reise ist, verdeutlichen seine neuen 9 Lieder, die wieder Sprachlust und Musikalität auf die ihm eigene Art zusammenführen. Nicht neu erfunden hat er sich, aber neue, etwas aggressivere Mittel aus dem Hut gezaubert, die hin und wieder mit einer Prise Ironie gewürzt werden. Und ganz beiläufig entsteht ein Bild zur Lage und zum Gefühlszustand der Welt. Well done!  

 

 

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 Philip Bradatsch – Jesus von Haidhausen (Trikont/Indigo)

 

 Haidhausen: Stadtteil von München. Jesus: Wanderprediger. Philip Bradatsch: Rock'n'Roll Sänger und Liedermacher. Vom englischen zum deutschen. Liner Notes: Reverend Eric Pfeil (Church of Die Realität & Old Buildings). Der gesteckte Rahmen ist bereits Teil des Inhalts. Keine Hamburger Schule, Bradatsch durchläuft die Schule des Lebens. Er singt auf deutsch und klingt dabei englischer als was-weiß-ich-schon. Begleitband: Cola Rum Boys. Trinkt ja keiner mehr so wie keiner mehr zuhört beim Rock'n'Roll. Keiner weiß mehr. Beat Poetry, Dylan & Alltag.

 

 Seite A: „Alte Gebäude", man muss die Bedeutung der Worte nicht verstehen, nur Bradatschs Klang und Slang. LoFi und Alternative mit Deutsch-Rock-Knochen. Sanfte E-Gitarren-Splitter: Lou Reed und Pavement. Bradatsch quengelt wie ein Vorstadt-Dylan, ein acht Minuten langes, letzten Endes hart rockendes Biest. Die Desolation Row von Haidhausen. Fortsetzung folgt: „(Ich weiss wirklich überhaupt nicht) was du eigentlich noch von mir willst". Power Pop mit Kiev Stingl Attitüde. Ängste fahren Karussell. Melodie und Wahnsinn. Und wer zum Teufel ist „Chantal Kiesinger"? Rio Reiser- und Nils Koppruch-Romantik, ein Walk-On-The-Wild-Side Saxophon aus Haidhausen. Das Haus der aufgehenden Sonne. Udo Jürgens. „Kriege": ein Protestlied gegen sich selbst. Akustikgitarre, milde Verzweiflung. Lässige Sehnsucht. Niemand ist ein Ozean. Die Nacht. Das Wettbüro. Gitarrensaiten. Schnarren.

 

 Seite B: „Jesus von Haidhausen", der Titelsong. Boogie Rock, Mott The Hoople, Nikki Sudden. Achim Reichel singt Jörg Fauser. Ungeschminkt. Glück, Barfrauen, Dichter. Gebrochene Herzen. „Flüsse": Mississippi-Melodie, Gitarren-Soli, Wassermusik. Felt: Poem Of The River. Träume im Flussbett begraben. „Meine Liebste": Akustik-Liebeslied, Rummelplatz-Romantik. Süßer Wein und blonde Gespenster. Robert Minus Zero-Zimmerman. „Rundfunkempfänger": Schlusslied. Schwarze Herzen. Wo will deine Liebe hin? Rio Reiser, Orgel, Bass, Gitarren-Soli. Feedback. Abgebrannte Kerzen. Kid Kopphausen.

 

 Fazit: Blondierter Jesus. Hinterhof. Sonnenbrillen. Der König von Deutschland. Der Jesus von Haidhausen. Das Leben. Die Songs. Ein Trick. Philip Bradatsch: Die Kippe im Maul ist sein Rock'n'Roll Gaul.

 

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 Van Morrison – Three Chords & The Truth (Caroline/Universal)

 

 Drei Akkorde und die Wahrheit. Van Morrison findet im Einfachen die Muse und den Spirit wieder. Jenen Spirit, von dem er vor allem in den 60ern und 70ern beseelt war. Von 2016 bis 2019 sind sechs Longplayer von ihm erschienen, wobei "Three Chords & The Truth" herausragt. Wie auf allen seiner Alben finden wir eine Verschmelzung von Blues, Soul, Jazz, Swing, Country und Rock. Dabei ist naturgemäß nicht was, sondern wie er es zusammenfügt das Entscheidende. Handwerklich gekonnt und wahrlich nicht schlecht waren die überwiegend mit Coverversionen eingespielten "Keep Me Singing" (2016), "Roll With The Punches" und "Versatile" (beide 2017) sowie seine 2018er Platten "You're Driving Me Crazy" und "The Prophet Speaks". Ihnen fehlte jedoch jener besondere Geist, den Van Morrison dieses Mal mit eigenem Songmaterial wieder zum Leben erweckt hat. Er selbst sagt: "You're just plugging into the feeling of it, more the feeling of it... when they're playing... It's like reading me. So I think there's more of that connection." Dabei hat er wohl vor allem seinen Akustikgitarrenspieler Jay Berliner ("Astral Weeks") und seine langjährigen Begleiter, Bassist David Hayes und Keyboarder John Allair sowie den Drummer Bobby Ruggiero ("Moondance") gemeint. Die bereiten Van the Man den fruchtbaren Boden, den er mit seiner unglaublichen und unverkennbaren Stimme erntet. Davon zeugt bereits der Opener "March Winds In February" mit herrlich strahlenden B3-Hammond-Orgel-Klängen, zirpend-intensiver Akustikgitarre und variablem Bass-Schlagzeug-Spiel. Morrisons markant-hypnotische Stimme scheint aus dem Unterbewussten zu schöpfen und erreicht eine Tiefe, wie wir sie lange nicht mehr von ihm zu hören bekamen. Auf "Fame Will Eat The Soul" stand ihm ein raspelnder Bill Medley (The Righteous Brothers) zur Seite. "Dark Night Of The Soul" ist einer jener langen Songs mit in sich gekehrter Stimmung, frei fließenden Melodielinien, atmosphärisch leuchtend und beseelt. Zum Durchatmen verführt "In Search Of Grace" und die Leichtigkeit von "Nobody In Charge" ist ansteckend. Über sechs Minuten kriecht einem "You Don't Understand" sanft und intensiv unter die Haut. Ein typischer Van Morrison Blues. Dem folgen"Read Between The Lines" und "Does Love Conquer All?" Zwei Songs wie mit leichter Hand auf eine Leinwand getupft. "Early Days" ist swingender Rock'n'Roll mit Saxofon. "If We Wait For Mountains" wirkt wie ein Vorspiel zum ausufernden "Up On Broadway", bei dem Morrisons vokale Exkursionen Zwiesprache mit seinen Musikern halten. Der Titelsong reflektiert sich selbst, findet im Simplen das Spezielle: R'n'B mit Nadelstreifen. Mit "Bags Under My Eyes" wiegt uns der Ire mit Country-Soul in Sicherheit. Trügerisch, denn das fast 8-minütige "Days Gone By"leitet uns hinab ins Unbewußte, die ureigenen Tiefen und Untiefen, wo es heißt "There is no easy way out my friend". Dennoch eine versöhnliche "Listen To The Lion"-artige Meditation. Hypnotisch, repititiv, ins Spirituelle driftend mit der einfachen Weisheit: "Keep on keepin' on for the sake of the days gone by". Weitermachen um der vergangenen Tage willen. Was bleibt uns anderes übrig, scheint er uns zu sagen. Der mittlerweile 74-jährige läuft nochmals zur Hochform auf. "Three Chords & The Truth" ist ein zeitloses Album, das die Vergangenheit reflektiert, die Gegenwart fixiert und gelassen in die Zukunft blickt. God bless Van Morrison!

 

 

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 Andy Clark – I Love Joyce Morris (Greywood/Timezone)

 

 Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Die Äpfel spielen bei Singer/Songwriter Andy Clark eine wichtige Rolle, sie verkörpern seine Kinder und Joyce Morris ist der Name des örtlichen Apfelbauers. Zudem bezieht sich der Singer/Songwriter aus dem UK auf das Sprichwort "You're the apple of my eye" und das Coverartwork zeigt dementsprechend einen Apfelbaum mit zwei Kindern darunter. So weit zur Rahmengeschichte von "I Love Joyce Morris", der Debütplatte von Andy Clark. Der Eröffnungstrack "Welcome To The Party" ist die erste Single des Albums und an seine Tochter und wahrscheinlich auch an uns Zuhörer gerichtet. Mit den herrlichen Textzeilen: "You can photograph your dinner and stick the pictures on your page; your success depends on how many friends you can engage. It's the modern age. Welcome to the party!" Diese Zeilen, sowie die anderen Texte, werden in melodiösen Songwriter-Pop verpackt, der auch gerne mal die ein oder andere Note Folk ("Sunny Boy", "Monsters", "Apples"), Country ("Daddy Pleasure") und Electronica ("Hunker Down","Alistair") beimischt. Die zweite Single des Albums "But For You" zeigt einen nachdenklicheren Andy Clark, dennoch schwingen auch hier optimistisch-leichte Töne mit. Auch die anderen Songs formen sowohl Melancholie als auch Lebensglück aus. Wer nicht die Neuerfindung des popmusikalischen Rads sucht und mit den Namen Simon & Garfunkel, The Beatles, Jason Collett, Josh Rouse und John Vanderslice etwas anfangen kann, der sollte hier mal reinhören. Die Platte entfaltet sich sowohl beim aufmerksamen Zuhören als auch nebenbei. Schöne Popmusik eines talentierten britischen Singer/Songwriters!

 

 

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 Waiting For Louise – Musings In Stereo (E=MC²)

 

Als Duo begann die Geschichte von Waiting For Louise im Jahr 1992. Seit 2000 veröffentlichen sie in Eigenregie und spielen seit 2009 in unveränderter Besetzung. Ein Umstand, der sich auszahlt, denn das Zusammenspiel des Quartetts wird immer organischer, blindes Verständnis sozusagen. Ihr aktueller Longplayer trägt den schönen Titel "Musings In Stereo", der dementsprechend mit dem Müßiggang frönenden "Lazy" beginnt. Wobei die Akkorde und Melodielinien gar nicht mal so faul daherkommen. Ein eher freudiges instrumentales und gesangliches Ineinandergreifen des Vierers vom Niederrhein findet hier statt. Zirpende Akustikgitarre, feinfühlig akzentuierte E-Gitarre, ein vor sich hin murmelnder Bass und federnd beschwingtes Schlagzeug ergeben in der Summe einen Auftakt nach Maß. Der endet mit den Zeilen: "All my friends are going on vacation/Posting pics from nearly ev'rywhere/While I'm just a slacker on the sidewalk/Keep on rockin' in my rockin' chair." Dem Schaukelstuhl Müßiggang folgt "Mr. Sisyphus", vor allem mittels Bass und Drums nimmt der Hörer die Schwere des Unterfangens wahr. Der hinaufzurollende Stein, die vielen Wiederholungen. Das Spiegelbild eines Songs und die Vergeblichkeit der Liebe, alles ist, war und wird Monotonie, Melancholie und Melodie. "The Devil's Got My Number" hat jenen Go-Betweens Zauber, der immer wieder mal bei Waiting For Louise mitschwingt und durchschimmert. Ute Rettlers E-Gitarre schwirrt wie eine nervös summende Biene um Michael Manns unverkennbare Stimme. "Maybe I Wouldn't Want That Anyway" wird von Manns zärtlichem Raunen der Lyrics getragen. Mit seinem Harmonium wärmt er uns gemeinsam mit Johannes Lehmanns Bass die Seele, Detlef Goch streichelt sein Schlagwerk. Kaum Text hat das elysische "Moon Sun Time", umso relaxter das Melodien- und Rhythmusspiel, das sich alle Zeit der Welt zu nehmen scheint, dabei geht es lediglich über die 5-Minuten-Grenze hinaus. Epischer dagegen "Leaving Home", ein Titel, dem es gelingt zugleich den Spirit von David Crosby, John Martyn und Tim Buckley zu transportieren. Wann kommt die Songs To The Siren Version? "Crazy Cobra And The Jaguar Car" stellt Ute Rettlers Slide-Gitarre und Michael Manns beinahe flüsternde Stimme ins Zentrum. Wo zuvor noch der Teufel im Spiel war ("The Devil's Got My Number"), erfährt der Ich-Erzähler auf "Slow Drag" eine Begegnung mit Gott. Viele wussten es schon immer: Gott ist eine Frau und im Falle von Michael Mann ist es das Konterfei der Dame der 1965er Donald Byrd Platte eben jenes Titels ("Slow Drag"), die sich zu ihm an die Bar gesellt. Das Stück ist eine ellenlange surreal-skurrile Folk-Jazz-Meditation die in folgenden Sätzen ihr Ende findet: ""I'm fed of looking like Madonna/she's really not my style/Or that pushy Helen Fisher/makes me sick for quite a while/Why isn't anybody out/there who's more into Patti Smith?" Eine berechtigte Frage, die ohne Antwort bleibt. Dafür bleiben wir zurück mit einer rundum gelungenen CD, die in einem schmucken Digipak steckt, das zudem ein Faltblatt beinhaltet mit Infos, bebilderter Diskografie, Auszügen aus Plattenbesprechungen und einem Bandfoto. Selbst die Texte sind im Innenteil des Digipaks nachzulesen, dazu Fotos der Bandmitglieder. Vorrangig bleiben jedoch die hervorragenden Songs, das traumhafte Zusammenspiel und Michael Manns Stimme, die immer selbstbewusster zu werden scheint. Nur schade, dass die Band weiterhin ohne "richtigen" Plattenvertrag agiert, denn eine Vinyl-Version von "Musings In Stereo" wäre die Krönung des Ganzen. Nichtsdestotrotz: Die musikalische Qualität des Albums ist letztlich entscheidend und die ist bei Waiting For Louise auch 2019/2020 garantiert. Ihrem Eigenlabel mit dem Namen E=MC² (Albert Einstein: Äquivalenz von Masse und Energie) füge ich die 5-M-Formel hinzu: Wie aus Melodie, Melancholie, Monotonie und Meditation Magie wird!

 

Die CD kann auf http://www.waiting4louise.de/ käuflich erworben werden!

 

 

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 Hannah White & The Nordic Connections – Hannah White & The Nordic Connections (Paper Blue/Proper)

 

 Die in London ansässige Hannah White hat bereits Platten als Solo-Künstlerin aufgenommen und veröffentlicht. Als Hannah White & The Nordic Connections debütiert sie nun mit gleichnamigem Album. Kuratiert vom norwegischen Produzenten HP Gundersen, der durch seine Zusammenarbeit mit RJ Chesney mehr als positiv aufgefallen ist, wurde ein Americana-Album mit nordischem Einschlag veröffentlicht.

 

 Nachdem Gundersen Hannah Whites Songs gehört hatte, lud er sie ein mit seiner Band eine Live Show zu performen. Das hat so gut funktioniert, dass sie sich entschlossen eine Platte zu machen, welche im norwegischen Bergen aufgenommen wurde. Overdubs wurden in einem analogen Studio in Chamonix hinzugefügt, Mix und Mastering wurden in Beverly Hills vorgenommen. Folglich eine internationale Angelegenheit, die allerdings wie aus einem Guss klingt.

 

 Das wird bereits mit dem ersten Titel „Never Get Along“ unter Beweis gestellt, einer zu Herzen gehenden Ballade, bei der die einschmeichelnde Pedal Steel (HP Gundersen) und Whites Stimme glänzen. Gleiches gilt für „Start Again“, das eine warm-wohlige Atmosphäre zaubert. Dagegen sind die „City Beats“ temporeicher Country-Rock mit klappernden Saiten (Keiron Marshall, Øyvind Storli Hoel) hämmerndem Piano (Lars Hammersland) und weitreichender Slide-Gitarre (HP Gundersen). Zurück in den Balladen-Modus führt uns „Pay Me A Compliment“, das uns Hannah White mit ihrer besonderen Ausdruckskraft direkt in die Seele singt. Dazu wimmert die Pedal Steel, während Bass (Øyvind Storli Hoel) und Schlagzeug (Ole Ludvig Krüger) das Tempo verschleppen und die E-Gitarre im Klangraum hallt. Hach! Locker vom Hocker wird „Gotta Work Harder“ inszeniert, fordert zum Tanzen oder Mitwippen auf.

 

 Anfang des Jahres 2020 bereits vom Song des Jahres zu sprechen scheint vermessen, aber wer „My Father“ zum ersten und zigsten Male hört, wird immer wieder von Neuem verzaubert. Whites berührender Text und ihre exzellente Stimme zerreißen einem beinahe das Herz. Zudem zaubern die zarte Instrumentierung und das leicht nasale Timbre der Protagonistin den Song zu einer Perle, die in Aquarellfarben schimmert und noch lange nach den Schlussakkorden in unseren Herzen verweilt.

 

 Die Fortsetzung jener Schönheit hört auf den Titel „Like We've Always Done“, abermals eine tiefsinnige Ballade, bei der einem Whites Stimme und eine in Weichtönen schillernde Orgel (Lars Hammersland) das Herz erwärmt. „When You're Not Around“ setzt jene Herzenswärme fort, wogegen uns „The Darkness“ – Nomen est Omen – ins Dunkel führt. Doch die Dunkelheit ist keine Finsternis, das Licht am Ende des Tunnels leuchtet und sieht den „Man Without Men“. Der finale Song zeigt in über sechs Minuten nochmals die ganze Bandbreite von „Hannah White & The Nordic Connections“ auf: Die einfachen, dennoch tiefgründigen Texte, die Hannah Whites Singstimme mit leuchtendem Leben erfüllt. Die fein aufeinander abgestimmte Instrumentierung, eine zwischen Wohlklang, Schmerz und Leidenschaft wogende Pedal Steel, tiefgründige Bässe (Øyvind Storli Hoel) und der klare, niemals sterile Klangraum, in den HP Gundersen das Ganze setzt. Ein kleines skandinavisches UK-Americana Wunderwerk, das einen betört und Herz und Seele wärmt. Bitte mehr davon!

 

 

English Version

 

Hannah White & The Nordic Connections – Hannah White & The Nordic Connection (Paper Blue/Proper)

 

London-based Hannah White has already recorded and released records as a solo artist. As Hannah White & The Nordic Connections she makes her debut with an album of the same name. Curated by the Norwegian producer HP Gundersen, who attracted more than positive attention through his collaboration with RJ Chesney, an Americana album with a Nordic touch was released.

After Gundersen had heard Hannah White's songs, he invited her to perform a live show with his band. It worked so well that they decided to make a record which was recorded in Bergen, Norway. Overdubs were added in an analogue studio in Chamonix, mixing and mastering were done in Beverly Hills. Consequently an international affair, but one that sounds like a unified whole.

This is already proven with the first title "Never Get Along", a heartfelt ballad with the ingratiating pedal steel and White's voice shining. The same goes for "Start Again", which creates a warm and cosy atmosphere. In contrast, the "City Beats" are fast-paced country rock with rattling strings, hammering piano and far-reaching slide guitar.
Back in the ballad mode leads us "Pay Me A Compliment", which sings us Hannah White with her special expressiveness directly into the soul. In addition, the Pedal Steel whines, while bass and drums are slowing down and the electric guitar echoes in the sound space. Hach! Gotta Work Harder" is staged loosely from the stool and invites you to dance or bounce along.

At the beginning of the year 2020 already speaking of the song of the year seems to be presumptuous, but those who hear "My Father" for the first and umpteenth time will be enchanted again and again. White's touching lyrics and her excellent voice almost tear your heart apart. In addition, the delicate instrumentation and the slightly nasal timbre of the protagonist conjure up the song into a pearl that shimmers in watercolours and lingers in our hearts long after the final chords.

 

 The continuation of this beauty is listening to the title "Like We've Always Done", another profound ballad in which White's voice and an organ shimmering in soft tones warms the heart. "When You're Not Around" continues that warmth of heart, whereas "The Darkness" - Nomen est Omen - leads us into darkness. But the darkness is no blackness, the light at the end of the tunnel shines and sees the "Man Without Men". The final song shows the whole spectrum of "Hannah White & The Nordic Connections" in more than six minutes: The simple yet profound lyrics that fill Hannah White's singing voice with luminous life. The finely tuned instrumentation, a pedal steel that waves between euphony, pain and passion and the clear, never sterile sound space in which HP Gundersen puts the whole thing. A small Scandinavian Americana miracle that bewitches you and warms your heart and soul. More of it, please!

 

 

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 Lost & Found

 

Songs To The Siren 2019“: Das Erbe von Tim Buckley und The Velvet Underground wird am Niederrhein betreut.

 

Ein analytisches "Gespräch" zwischen Günter Ramsauer und Heino Walter.

 

 Es ist schon eine lieb gewordene Tradition geworden, dass wir uns lobend über die Projekte von Michael Mann in ROADTRACKS auslassen und jedes Mal von Neuem total begeistert sind.

 

 Der Name war Programm, als vor etwa 15 Jahren das deutsche Quartett Songs To The Siren zusammenfand. Coverversionen von Tim Buckley sollten es sein. Ein Programm, das naturgemäß wachsen musste. Demzufolge kamen nach und nach weitere Interpreten hinzu: John Martyn, Amon Düül II, Nick Drake, Chet Baker und Can. Wie gekonnt sie es verstehen, die Originale nachzuempfinden oder neu zu interpretieren, ist nachzuhören auf „Songs To The Siren“ (2007), „Songs To The Siren 2“ (2010) und „Songs To The Siren 3“ (2014). Ein neuer Schritt ist ihr Album „2019“, bei dem sie sich das berühmte dritte Album von The Velvet Underground, das im vergangenen Jahr den 50. Geburtstag feierte, zur Brust nehmen. Dabei verzichten sie auf die Stücke „The Murder Mystery“ und „After Hours“. Klugerweise, denn die beiden Schlusstitel der LP fielen bereits auf dem Original ein wenig aus dem Rahmen. Wobei es Songs To The Siren durchaus zuzutrauen gewesen wäre, die Spoken Word Poetry von „The Murder Mystery“ und das von Mo Tucker charmant-naiv gesungene „After Hours“ in ihr Konzept zu fügen. Stattdessen im Programm: „Ocean“ (das Original wurde im Juni 1969 aufgenommen und erstmals 1985 auf „VU“ veröffentlicht) sowie ein nicht gelisteter Hidden Track, auf den wir in der Track-by-Track Rezension zurückkommen. Neu ist auch, dass zum ersten Mal Frank Preuß nicht mehr mit an Bord ist. Songs To The Siren agieren nun als Trio und wir müssen auf jene von Preuß so hervorragend gespielte Lee-Underwood-Gedächtnis-E-Gitarre verzichten. Vielleicht hätte die auch auf „2019“ gar nicht so gut gepasst, denn Tim Buckley und The Velvet Underground verfolgten schließlich unterschiedliche Ansätze. Doch bei Songs To The Siren sitzt ein Mathias Schüller am Schlagzeug, jener deutsche Liedermacher, der zuletzt mit „Affentanz“ (Cactus Rock Records, 2017) überzeugte und nun einige Male seine Qualitäten und Fähigkeiten als Gitarrist (und natürlich weiterhin als Drummer) für Songs To The Siren mit einbringt. Sänger Michael Mann greift natürlich auch wieder in die sechs Saiten und mehrfach in die Tasten des Harmoniums. Last but not least: Peer Sitter am Bass sowie an der Konzertgitarre.

 

Wie klingen nun die einzelnen Tracks, wie unterscheiden sie sich im Vergleich zu den Originalen? Wir (Heino und Günter) sitzen sozusagen an einem virtuellen Tisch und erläutern im „Gespräch“ die einzelnen Titel:

 

Candy Says:

 Heino: „Candy Says“ bezieht sich auf Aussagen der transsexuellen Schauspielerin Candy Darling, die zum Umfeld von Andy Warhols Factory gehörte. Im Original wird das von Lou Reed geschriebene Lied von Doug Yule gesungen, der 1968 als Ersatz für John Cale bei The Velvet Underground einstieg. Er intoniert den melancholisch-introvertierten Art-Folk mit zerbrechlichem Timbre und sorgt so für eine filigrane Atmosphäre, die nur notdürftig durch Bass und Schlagzeug zusammengehalten wird. Michael Mann greift als Sänger von Songs To The Siren den nachdenklichen Aspekt des Stückes auf, wirkt aber gesanglich stabiler als Doug Yule. Seine Mitmusiker lassen ihn auf einem Klangteppich agieren, der nicht weniger sensibel als das Original angelegt ist, vermeiden es aber, als bloße Kopie zu erscheinen. Fazit: Die eindringliche Stimmung der Vorlage bleibt bei dieser Cover-Version gewahrt, die sich nicht allzu weit vom Original entfernt, aber dennoch eigenständig unterhält. Im Übrigen wurde „Candy Says“ schon einmal von Michael Mann mit seiner Gruppe Waiting For Louise als harmonische Country-Folk-Aufnahme eingespielt („New Tricks For Old Dogs“, 2008).

 

 Günter: Candy Darling war zudem Thema („Walk On The Wild Side“) in Lou Reeds Solo-Werk. Ich stimme dir zu Heino, dass STTS nah am Original von „Candy Says“ bleiben. Sie entwickeln den Song ganz sachte, fangen die Fragilität des Lieds auf bemerkenswerte Weise ein. Ich finde, sie stellen die folkige Seite des Songs etwas mehr in den Vordergrund gegenüber der Vorlage. Michael kitzelt mit seiner unverkennbaren Stimme den melancholisch-poetischen Charakter heraus, sein spezielles Timbre fügt „Candy Says“ eine neue Note hinzu. Und die feinfühligen Background Vocals von Mathias Schüller tun ein übriges.

 

 

 

What Goes On:

 Günter: Im Vergleich zum rockigen Original bringen STTS dem Song einige Folk-Jazz-Noten bei. Zudem schwebt ein Hauch von Nico im Klangraum mit, obwohl Manns Harmonium hier fast wie eine Orgel klingt. Ich mag auch diesen Marching Drumsound, den Mathias Schüller hier zum Besten gibt und Peer Sitters in sich ruhendes Spiel auf dem Bass. Trotz der Unterschiede zur Velvets-Fassung bleibt der Wiedererkennungswert erhalten. Michael Manns Stimme klingt bestimmt und sehr selbstbewusst, er hat sich als Sänger (in all seinen Projekten) prima weiterentwickelt.

 

 Heino: Es ist erstaunlich, wie trocken The Velvet Underground bei „What Goes On“ simplen, punkigen Garagenrock mit psychedelischen Gitarreneskapaden verknüpft haben. Schade, dass der Titel ausgeblendet wird. STTS ziehen den Stecker und nehmen dem Song jegliche Aggressivität und Schärfe. Das wirkt im direkten Hör-Vergleich zumindest merkwürdig, ist aber genau das, was eine gute Cover-Version ausmacht: Die Vorlage bekommt eine neue Bedeutung und es werden ihr neue Aspekte entlockt.

 

Some Kinda Love:

 Heino: Der Song klingt für mich wie eine Demoversion, so als wäre er bei einer Jam-Session entstanden. Spontan, aber auch unfertig, dabei sympathisch zurückgenommen. Man könnte sich ihn auch als kraftvollen Rocker vorstellen. Die Musiker von STTS haben noch eine andere Deutung gefunden: Der Track beginnt nebulös: Die Stimme ist zunächst weit entfernt und wird nur von einem wellenartig auf- und abschwellenden Harmonium begleitet. Nach etwa einer Minute setzt ein monotones Gitarre + Bass-Riff ein, das den Song über die gesamte Restlaufzeit begleitet. Harmonium, Schlagzeug und Tamburin sorgen parallel für Abwechslung und Fülle. Michael singt dazu mit unterdrückter Wut und verleiht der Komposition dadurch kantige Konturen.

 

 Günter: Ja, das Intro von STTS mit dem wogenden nach Akkordeon klingenden Harmonium und Manns Stimme im Hintergrund sind ein guter Einstieg für diesen literarischen Lou Reed Song. Das Lied bekommt so eine mysteriöse, durch Manns Harmonium beinahe sakrale Stimmung. Es entsteht eine geheimnisvolle Atmosphäre, die ein wenig den Spirit von Nico und Andrea Schroeder einfängt. Im Laufe des Songs erzeugt das Harmonium ein beinahe wärmendes, versöhnliches Flair, wogegen Manns Stimme eine fast punkige Attitüde einnimmt. Peer Sitters Herzschlag-Bass sorgt für ein dunkles Element, dazu spielt Schüller reduzierte, verschleppte Takte. Ganz prima wie STTS die monotone Spannung über 6:41 Minuten (im VU-Original 4:04 Min.) halten und nicht die Spur von Langeweile aufkommt.

 

Pale Blue Eyes:

 Günter: Für mich der allerschönste Song, den Lou Reed geschrieben hat, er muss zu den besten Titeln aller Zeiten gerechnet werden. Die Umsetzung von STTS ist mehr als gelungen, Mann erfasst mit seiner Stimme die ganze Poesie des Songs. Schüller wieder mit dieser sanften hohen Stimmlage im Hintergrund und sein gefühlvolles E-Gitarrenspiel. Herrlich! Der Song ist wie im Original von berührender, einnehmender Natur. Gehört ab sofort zu meinen favorisierten Coverversionen: STTS gesellen sich zu Hederos & Hellberg, Alejandro Escovedo und Maureen Tucker.

 

 Heino: Ja, lieber Günter, ganz Deiner Meinung! „Pale Blue Eyes“ ist auch mein VU-Lieblingssong. Das Lied ist ein Musterbeispiel an Sensibilität, Zärtlichkeit und Ökonomie. Instrumentell runter gebrochen auf das Wesentliche wird der verletzliche Ausdruck in der Stimme zum ausdrucksstärksten Element befördert. Ganz große Kunst! Alleine dank Michael Manns besonderer Stimmfärbung findet die Formation STTS eine Möglichkeit, die Feinfühligkeit des Liedes beizubehalten, ohne Lou Reed & Co. zu imitieren.

 

Jesus:

 Heino: Schuld und Sühne ist das Thema von „Jesus“. Dennoch klingt dieser Underground-Folk im Original nicht wie ein religiöser, verzückter-Gospel, sondern wie ein stilles, inniges Gebet. STTS gehen den Song musikalisch wesentlich weltlicher an. Sie kleiden ihn in ein straffes halb-akustisches Folk-Rock-Gewand und verkürzen ihn um ca. eine Minute gegenüber der Vorlage.

 

 Günter: Gute Stichworte: Schuld und Sühne. In den 60ern lagen zwischen „Heroin" (Schuld) und „Jesus" (Sühne) gerade mal zwei Jahre. Letzterer ist wahrscheinlich der folkigste Song der Velvets, nur Gesang und zwei Akustikgitarren. STTS spielen es offensiver oder wie Heino richtig sagt: weltlicher. Wobei die Nachdenklichkeit und Intimität des Originals beibehalten wird. Schüllers Schlagzeug kommt hier dem Sound von Mo Tucker verdammt nah und Peer Sitters Bass strahlt eine tiefsinnige Ruhe aus.

 

Beginning To See The Light:

 Günter: Im Vergleich zum Original verzichten STTS weitestgehend auf Rock'n'Roll, sie übersetzen den Song in eine Folk-Jazz-Version, hier ist der Tim Buckley-Geist am spürbarsten. Feinsinniges Gitarrenspiel von Michael Mann und Peer Sitter, auf den Bass wird hier verzichtet. Wo bei VU zwischen „Jesus“ und „Beginning To See The Light“ ein kleiner Bruch auszumachen ist, führen STTS den sanften Flow von „Jesus“ fort.

 

 Heino: Deiner Analyse gibt es eigentlich nichts hinzuzufügen! Stark finde ich, dass sich STTS nicht einfach nur eine weitere Folk-Version ausgedacht haben, sondern unter anderem einen Bossa Nova-Rhythmus für ihre Interpretation verwendet haben.

 

I'm Set Free:

 Heino: Der Ursprung des Songs beinhaltet mehrere Elemente: Introvertierten Folk-Rock, hypnotisch-primitiven Rock & Roll und psychedelische Gitarrenlinien. Die liebenswürdige STTS-Variante ist durchgängig sanftmütig und kommt daher der hymnisch-schwelgenden Cover-Version von Brian Eno, die auf „The Ship“ (1996) zu finden ist, näher als der Velvet Underground-Vorstellung. Eno bezeichnete übrigens das Original als „wunderschön“. Ihm gefiel aber auch besonders der Refrain „Ich bin frei, um eine neue Illusion zu finden“. Er mag die Idee, nicht von einer Illusion in die Realität überzugehen, sondern von einer Illusion in eine andere oder von einer Geschichte in eine andere. Der Ambient-Künstler und ex-Roxy Music-Paradiesvogel sollte sich dringend mal die STTS-Variation anhören, dann würde er wahrscheinlich staunen, wie die Schönheit des Originals konserviert werden kann.

 

 Günter: Die Version von Eno musste ich mir nach Deinem Hinweis Heino gleich mal anhören und ich kann Deinen Ausführungen nur nickend beipflichten. STTS nehmen sozusagen den Folk-Faden des Songs auf und spinnen ihn weiter. Von der STTS Interpretation geht etwas sehr Friedvolles und Sanftmütiges (Schön gesagt Heino!) aus. Manns herzerwärmendes Harmonium und wie er sich die Textzeilen zu eigen macht, das ist erstaunlich. Dazu pickt wieder Sitter die Akustikgitarre, während Schüller wohlige Bassnoten einfügt. „Jesus“, „Beginning To See The Light“ und „I'm Set Free“ sind übrigens als dreiteilige Geschichte angelegt, nachzulesen auf https://genius.com/The-velvet-underground-jesus-lyrics. STTS müssen davon gewusst haben, denn bei ihnen erzeugt diese Trilogie einen sanften Fluss, der mit „The Story Of My Life“ schließlich im „Ocean“ mündet. Aber eins nach dem anderen...

 

The Story Of My Life:

 Günter: Gegenüber der Velvets-Version wird hier das Tempo und das leichtfüßig-tänzelnde des Originals von STTS herausgenommen. Sie überzeugen mit sehr feinfühligen, zwischen hell und dunkel angelegten Gitarrenfiguren. Schüller fungiert als verhaltener Taktgeber. Die Basstrommel ist körperlich spürbar. Mehr Neuinterpretation als Coverversion. Dennoch bleibt das Original im Gedächtnis, säumt den STTS Horizont.

 

 Heino: Lou Reed & Co. haben mit „The Story Of My Life“ so etwas wie einen Fake-Hillbilly-Sound geschaffen: Stumpfer Underground-Folk trifft auf die Essenz des Country & Western-Rhythmus. Das ist im Grunde genommen ziemlich widersinnig, funktioniert aber prächtig. STTS sind eher im Folk-Bereich unterwegs. Dabei erzeugen sie jedoch keine harmlose Lagerfeuer-Romantik, sondern herzzerreißende Melancholie. Und das Gitarren-Solo fängt die typische Tristesse von Willie Nelson ein.

 

Ocean:

 Heino: Die verspielten Versionen von „Ocean“ auf „VU“ und der erweiterten „Loaded“-Fassung mochte ich eigentlich nie besonders. Da gefiel mir die handfestere Variante auf dem ersten Lou Reed-Solo-Album wesentlich besser. STTS greifen den meditativen Aspekt des Liedes auf und lassen es lange mit einem gleichförmigen Basis-Sound unter Beteiligung zweier korrespondierender Gitarren ausklingen. Der Song hat übrigens eine tragische Komponente, denn er handelt von den Erfahrungen einer Elektroschock-Therapie, die Lou Reed als 14Jähriger über sich ergehen lassen musste. Seine Eltern wollten damit seine bisexuellen Neigungen beseitigen lassen. Das ist gruselig.

 

 Günter: Ich mag beide Fassungen ganz gerne. Die „VU“ Version ist eher atmosphärischer Natur, die Variante auf „Lou Reed“ Song orientierter. Die Hintergrundgeschichte ist wirklich gruselig, Townes Van Zandt lässt grüßen. Er wurde mit Elektroschock-Therapie aufgrund einer manisch-depressiven Erkrankung behandelt. Das nur nebenbei. STTS setzen bei „Ocean“ auf ein ruhiges, sich nach und nach steigerndes Klangbild. Atmosphäre und Song sind ausbalanciert. Beim Hören erzeugt das Kopfkino jene Ozeanwellen, überbordendes salziges Wasser scheint einen zu überfluten. Die Ruhe und Ausgeglichenheit in Manns Stimme besänftigt.

 

Song To The Siren (Nicht gelisteter Hidden Track):

 Günter: Als „2019“ von STTS die ersten Runden in meinem CD-Player gedreht hat, musste ich alsbald Heino kontaktieren. Er wies mich daraufhin, dass bislang auf allen STTS CDs eine Version von Tim Buckleys „Song To The Siren“ zu hören ist. Hier als Hidden Track, es empfiehlt sich also nicht gleich nach „Ocean“ die Stop Taste zu betätigen. STTS bringen „Song To The Siren“ ganz im Modus und im Konzept des bislang ausformulierten Klangbilds. Zwischen den monoton gestalteten Rhythmen schlängelt Michael Manns Stimme und formt die Melodie des Buckley-Songs. Das Piano hämmert, das Saitenspiel wummert und die Trommelschläge erinnern wieder an Mo Tucker. Folglich ein Tim Buckley Song, der nach Velvet Underground klingt? Nach den Velvets und STTS will ich meinen. Jedenfalls fällt der Song keineswegs aus dem Rahmen von „2019“. Ein gelungenes Finale!

 

 Heino: Jetzt, wo Du es beschrieben hast, lieber Günter, ist mir tatsächlich erst klar geworden, dass die aktuelle STTS-Version von „Song To The Siren“ sowohl Velvet Underground wie auch Tim Buckley gerecht wird. Die erste Interpretation von 2007 wurde noch von Michael Mann Solo zur akustischen Gitarre eingespielt. Danach gab es 2010 eine folk-jazzige Band-Fassung und 2013 folgte eine Version, die zusammen mit „Happy Time“ ein psychedelisch-jazziges Medley ergab. „Song To The Siren“, das im Original eine schmerzlich-intensive Hingabe zu einer vielleicht unerfüllten Liebe ausdrückt, wurde schon einige Male gecovert. Das erste Mal 1969 vom Schnulzensänger Pat Boone. Die bekanntesten Interpretationen dürften die von This Mortal Coil (1983), Robert Plant (2002) und Sinead O`Connor (2012) sein. Sie alle verneigen sich vor der mystischen Versunkenheit des Stückes. STTS haben dem Lied jetzt schon vier unterschiedliche Deutungen verpasst, die alle von der tiefen Verbundenheit mit der Komposition zeugen und einen kreativen, aber dennoch respektvollen Umgang mit dem Liedgut vermitteln.

 

Ein paar Worte zum Coverartwork:

 Heino: Das Cover-Portrait von „2019“ ist dem unterbelichteten Foto auf „The Velvet Underground“ nachempfunden. Die Band gibt nicht alle persönlichen Details preis, bleibt im Halbdunkel und wirkt dadurch geheimnisvoll.

 

 Günter: Prima Idee, das Original nachzustellen, auf dem nun Michael Mann die dritte Velvet Underground LP in den Händen hält, wo damals Lou Reed das Harper's Bazaar Magazin präsentierte. Schade, dass es wohl keine Vinyl-Version von „2019“ geben wird, da würde das Artwork noch besser zur Geltung kommen. Das Halbdunkel würde mehr Schattierungen preisgeben ohne dem Bild das Geheimnisvolle zu nehmen. Nichtsdestotrotz verfehlt auch das CD-Cover nicht seine Wirkung.

 

Fazit:

 Günter: „2019“ von STTS ist ein rundum gelungenes Album, das zum Teil die VU-Songs neu interpretiert oder in kunstvoller Weise Coverversionen hervorbringt, die mal nah am Original sind oder ihnen neue Facetten hinzufügen. Allen gemein ist, dass sie immer eigen und eigenwillig in Erscheinung treten, wenn Michael Mann mit seinen Mitstreitern agiert. Zudem war es eine Freude lieber Heino dieses virtuelle Gespräch mit dir zu führen. Es war inspirierend und erhellend zugleich. Vielen Dank!

 

 Heino: Schade, dass dieser Gedankenaustausch schon vorbei ist. Durch Deine Sichtweise, lieber Günter, durfte ich die besprochene Musik nochmal aus einem anderen erweiterten Blickwinkel kennen lernen. Das hat unheimlich Spaß gemacht und meinen Horizont erweitert. Eine tolle Erfahrung. Ich danke Dir herzlich dafür. Noch eine abschließende Bemerkung zu STTS: Bisher waren alle Projekte von Michael Mann, ob nun STTS, Waiting For Louise oder Rusty Nails überdurchschnittlich interessant. Es ist enorm, was Michael und seine Mitstreiter als Amateure auf die Beine stellen, da können sich so manche Profis eine Scheibe von abschneiden.

 

Text: Heino Walter und Günter Ramsauer

 

Die CD ist zu beziehen unter: http://www.waiting4louise.de/Tontraeger.php

 

 

 

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 Various Artists – Whiskey Preachin' Volume 1 - 21st Century Honky Tonk for the Outlaw Dancefloor (Whiskey Preachin' Records/Indigo)

 

 Verdammt! Was für eine Compi! Cowboy Boots & Honky Tonk, Twang & Groove, Gumbo Rock & Outlaw Boogie. Begriffe mit denen wir mittendrin im Geschehen von "Whiskey Preachin' Volume 1" sind. Drehen wir das Rad zunächst zurück. Auf ihrer Homepage verkünden Whiskey Preachin: Two Brighton-based DJs, Shamblin Sexton and Senor Mick, needed somewhere to share their love of Southern-fried sounds, music for outlaws looking for a little backwoods boogie on a Friday night, a touch of two-step and four fingers of the finest bourbon whiskey. From country funk, swampy blues and southern soul to bayou bounce, gumbo rock, dusty cosmicana and truck stop pop, Whiskey Preachin like to play records for drinking and dancing, loving and laughing the night away.

 

 Und neuerdings kommt so ein positiv Verrückter wie Reinhard 'Keep On Chooglin' Holstein (Stag-O-Lee, Glitterhouse) daher und gründet mit Tony 'Shamblin' Sexton Whiskey Preachin' Records. Holstein ist der Goldgräber und Perlenfischer in unseren Breiten, seine Serie "Keep On Chooglin" umfasst mittlerweile 21 Homo Swampus Volumen. Als The Love Rustler präsentiert er Raritäten und Bekanntes, hauptsächlich von Anfang bis Mitte der Siebziger, von Swamp Blues und Southern Rock bis Voodoo Funk und Country Soul. Damit gibt sich einer wie er naturgemäß nicht zufrieden und präsentiert nun die auf 1000 Kopien limitierte Vinyl only Compilation (Klappcover mit ausführlichen Liner Notes) "Whiskey Preachin' Volume 1" mit knallbuntem Artwork, aller feinst gestaltet von Chris 'Sick' Moore. Das Ganze mit aktuellem "21st Century Honky Tonk for the outlaw dance floor", kompiliert vom Whiskey Preacher Shamblin Sexton. Also Leute, rein in die Cowboy Boots, ab an die Theke, Feuerwasser bestellen und ab geht's auf die Tanzfläche. Starten wir ganz "Cool And Handsome" mit Mayeux & Broussard, die das Feuer unter dem Allerwertesten schüren. Stromgitarren-Licks, die vor Spielfreude nur so sprühen und ein bis nach Texas rollendes Honky Tonk Piano. Danach stellt uns James Scott Bullard vor die Wahl: "Jesus, Jail Or Texas". Dazu wird mal auf die eine, dann auf die andere Seite geschunkelt oder wir surfen mit der Slide Gitarre Richtung Theke. Dort empfängt uns Kathryn Legendre mit Country Fiddle und Cosmicana Gitarren, dazu singt sie uns ein charmant lässiges "Going Crazy" ins Ohr. Yippie! Eleven Hundred Springs führen uns durch den "Arcadian Thruway" mit locker-flockigen Rhythmen, E-Gitarren-Licks flirten und tanzen mit der Fiddle bis zum Abwinken. Wem da nicht das Herz hüpft, der hat keins. The Rhyolite Sounds "Setting Me Up" (im Original von den Dire Straits) fährt einen Gang runter, fette Orgelläufe, eine Reibeisenstimme und feurige Stromgitarren heizen die Stimmung dennoch an. Darci Carlson übernimmt den Groove, steigert wieder das Tempo und ist "Rat City Bound". Wie ein Derwisch fegt eine höllische Harp mit Darcis Twang-Stimme durch die schwitzenden, tanzenden Leiber. Ein einziges "Ramblin", furz-trocken mit Southern Rock Attitüde von Ole Whiskey Revival auf den oulaw dance floor gezockt. Dem stehen The Reeves Brothers mit Merle Haggards "C.C. Waterback" in nichts nach und bringen dem rauen Rock'n'Roll den Country Swing bei und schmeißen statt Whiskey ne Runde Tequila. Da bleibt Kristina Murray nichts anderes übrig als mit scheinbar gelangweilter Twang-Stimme von "Lovers & Liars" zu erzählen. Country-Rock, der knietief im Blues-Sumpf watet. Ted Russel Kamps "Get Off the Grid" swingt mit E-Piano, die Akustikgitarre wird gepickt, Commander Cody and His Lost Planet Airmen lassen grüßen. Und was zum Teufel stellt Weldon Henson in den Raum? Country-Rock mit einem guten Schuss Cosmic American Music, bei dem das Tanzbein den Staub vom Boden wirbelt. Da lassen sich Croy And The Boys nicht lumpen und spielen im Spirit der Flying Burrito Brothers "(If I Knew What I Had to Give Up) I Never Would Have Fallen In Love". Wir lachen uns vor Spielfreude fast zu Tode und twisten uns den letzten Tropfen Schweiß aus dem Leib. Und dann: Die Auslaufrille knistert aus den Boxen. Die Party ist vorbei, die Tänzer erschöpft. Erstmal Whiskey predigen und Wasser trinken. Dann noch mal von vorne. Die Nadel in die Rille und weiter geht's! So lange bis wir "Whiskey Preachin Volume 2" in den Händen halten. Lass es krachen Reinhard und thank you for the music!

 

 

English Version

Various Artists – Whiskey Preachin' Volume 1 - 21st Century Honky Tonk for the Outlaw Dancefloor (Whiskey Preachin' Records/Indigo)

 

 Blast it! What a comp! Cowboy Boots & Honky Tonk, Twang & Groove, Gumbo Rock & Outlaw Boogie. Terms that put us right in the middle of "Whiskey Preachin' Volume 1". Let's turn the wheel back first. On their homepage Whiskey Preachin announce: Two Brighton-based DJs, Shamblin Sexton and Senor Mick, needed somewhere to share their love of Southern-fried sounds, music for outlaws looking for a little backwoods boogie on a Friday night, a touch of two-step and four fingers of the finest bourbon whiskey. From country funk, swampy blues and southern soul to bayou bounce, gumbo rock, dusty cosmicana and truck stop pop, Whiskey Preachin like to play records for drinking and dancing, loving and laughing the night away.

 

 And lately such a positive madman like Reinhard 'Keep On Chooglin' Holstein (Stag-O-Lee, Glitterhouse) comes along and founds Whiskey Preachin Records. Holstein is the gold-digger and pearl fisher in our latitudes, his series "Keep On Chooglin" meanwhile includes 21 Homo Swampus volumes. As The Love Rustler, he presents rarities and well-known things, mainly from the beginning to the middle of the Seventies, from Swamp Blues and Southern Rock to Voodoo Funk and Country Soul. But that's not all for him and now he presents the Vinyl only compilation (gatefold cover with detailed liner notes) "Whiskey Preachin' Volume 1", limited to 1000 copies with brightly colored artwork, all finely designed by Chris 'Sick' Moore. The whole thing with current "21st Century Honky Tonk for the outlaw dance floor", compiled by Whiskey Preacher Shamblin Sexton. So folks, get into your Cowboy Boots, go to the bar, order firewater and off you go to the dance floor. Let's get "Cool And Handsome" going with Mayeux & Broussard, who'll light the fire under your butt. Electric guitar licks that sparkle with the joy of playing and a honky tonk piano that rolls all the way to Texas. Then James Scott Bullard gives us the choice of "Jesus, Jail Or Texas". For this we sway to one side, then to the other or we surf with the slide guitar towards the bar. There Kathryn Legendre welcomes us with Country Fiddle and Cosmicana guitars, in addition she sings a charmingly casual "Going Crazy" into our ears. Yippie! Eleven Hundred Springs lead us through the "Arcadian Thruway" with loose, fluffy rhythms, electric guitar licks flirt and dance with the Fiddle until we drop. If you don't have a heart bouncing, you don't have one. The Rhyolite Sound's "Setting Me Up" (originally by Dire Straits) goes down a gear, fat organ runs, a grater voice and fiery electric guitars still heat up the atmosphere. Darci Carlson takes over the groove, increases the tempo again and is "Rat City Bound". Like a dervish, a hellish harp with Darci's twang voice sweeps through the sweaty, dancing bodies. A single "Ramblin", fart dry with a Southern Rock attitude from Ole Whiskey Revival played on the oulaw dance floor. The Reeves Brothers with Merle Haggard's "C.C. Waterback" are in no way inferior to this and teach the rough Rock'n'Roll the Country Swing and throw a round of tequila instead of whiskey. So Kristina Murray has no other choice than to tell about "Lovers & Liars" in a seemingly bored twang voice. Country rock wading knee-deep in the blues swamp. Ted Russel Kamp's "Get Off the Grid" swings with electric piano, the acoustic guitar is picked, Commander Cody and His Lost Planet Airmen send their regards. And what the hell does Weldon Henson put in the room? Country rock with a good dash of cosmic American music, where the dancing leg kicks the dust off the floor. Croy And The Boys don't let themselves go and play in the spirit of the Flying Burrito Brothers "(If I Knew What I Had to Give Up) I Never Would Have Fallen In Love". We laugh ourselves to death with the joy of playing and twist the last drop of sweat from our bodies. And then: The run-out groove crackles out of the boxes. The party is over, the dancers exhausted. First of all, preach whiskey and drink water. Then it's time to start all over again. The needle in the groove and on we go! Until we hold "Whiskey Preachin Volume 2" in our hands. Let it crack Reinhard and thank you for the music!

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 Michael Moravek – November (Backseat/Soulfood)

 

Für sein zweites Solo-Album hat Michael Moravek eine ganz besondere Vorgehensweise gewählt. Im Theater Ravensburg präsentierte Moravek mit dem Schauspieler Bernd Wengert das Stück "November In My Soul" (inspiriert von Herman Melvilles "Moby Dick"), für das sie berechtigterweise stehende Ovationen und Begeisterungsrufe erhielten. Folglich war die Motivation hoch am darauffolgenden Tag mit einem mobilen Studio am selben Ort die Songs live mit seinen Mitmusikern einzuspielen. Danach waren nur wenige Änderungen und Overdubs notwendig, schließlich sollten Interaktion, Feeling und das Zusammenspiel der Bühnen Performance weitestmöglich erhalten bleiben. Was ihnen gelungen ist, beim Zuhörer entsteht die Illusion ganz alleine in der ersten Reihe zu sitzen und einem 'Concert for one' beizuwohnen.

 

 Dies vermittelt bereits das Album eröffnende "What's The Allegory?", das mit uns auf die hohe See hinaus schippert. Auf einem weich federnden Rhythmusspiel von Bass und Schlagzeug (William Bruce Kollmar, William Widmann), entfaltet sich Moraveks eindringliche Singstimme, ein Sonnen funkelndes Piano (Ayu Requena Fuentes) und Michael Hubers anheimelnde, Melodie führende Posaune. Auf "Wicked Waves Of The Sin Of Man" nimmt Michael Moravek die Rolle des Kapitäns ein: "They call me/Captain of fate/Captain of despair/Captain of revenge/Who turns his ship into a tomb" und wird zum "Lord of broken dreams". Der auf Folk-Rock-Rhythmen basierende Song erfährt durch Ayu Requena Fuentes' fantasievolles Piano mehr als eine jazzige Note. Als Blues-Jazz setzt "Jonah" die Reise aufs Meer fort: "Swallowed up by a whale/And held for three days/Unless you would speak/The words that you've heard". Im Bauch des Wals sind wir "Alone With Everyone", eine eindringliche Ballade mit sanften Piano-Takten, mit Horizont säumenden Synthesizer-Streichern (Thomas Fuchs), lauschiger Posaune sowie Moraveks erzählerischer Singstimme und sehnsüchtiger Mundharmonika. "Leviathan" ist die Begegnung mit dem Seeungeheuer, dem weißen Geist oder doch dem Wal? Der Song führt uns mit Kirchenorgel, geheimnisvollen Geräuschen und Moraveks Sprechsingen bis zum Grund der schwarzen, kalten See. "November In My Soul" ist Licht- und Schattenspiel, Gut und Böse wankt wie das Boot auf hoher See. Schließlich sind wir "Flooded By The Flood", im Country-Ragtime-Stil mit Mandoline, Tuba und Trompete wird gute Laune und Stimmung erzeugt, doch Obacht: "Flooded by the flood/Awaking from their dreams/Bathing In Blood". Ähnlich instrumentiert wie der Vorgänger, jedoch nachdenklicher und im Shanty-Balladen-Stil wird "If I Were The Ocean" präsentiert. Eine optimistische Akustikgitarre und funkelnde Pianotakte lassen uns das auch als Single erscheinende  "Lost At Sea" überleben, führen uns aus der Dunkelheit ans Licht. Es sind "Lights Of My Only Home", die uns, nun ja, heim leuchten, Herbert Walser-Breuß' Trompete ist die Taschenlampe, Moraveks Stimme die helfend-führende Hand und Fuentes' Piano die Spur zur letzten Heimat, der Ewigkeit. Ein Seelentröster und versöhnlicher Abschluss, der Hoffnung in unsere Herzen pflanzt. Der nur auf dem digitalen Album erscheinende Bonus-Track "The Good Days" lässt uns nachdenklich vor Kaminfeuer und im Kerzenschein zurück.

 

Betrachten und hören wir Text und Musik als Ganzes so erscheinen die Kompositionen einfach und komplex zugleich. Dennoch lohnt es sich auch die Lyrics von "November" nur zu lesen. Schließlich als Songs zu hören, um sie tief in unseren Herzen zu verankern, auf dass ihnen Flügel wachsen oder sie uns bis zum Grunde des Meeres namens Unterbewusstsein führen. Im Prinzip muss der Zuhörer nur Käpt'n Moraveks ausgestreckte Hand nehmen und sich führen lassen, alles weitere geschieht fast wie von selbst. Das ist dann auch die große Kunst von "November", das einfache zu vervielfachen, es in verschiedenen Farben und Schattierungen darzustellen, woraus schließlich jene Komplexität entsteht.

 

 Dürfen wir "November" ein Konzeptalbum nennen? Wenn das Konzept "Moby Dick" als Inspirationsquelle für eine Langspielplatte zum Inhalt hat, dann ja. Zudem ist bereits oben erwähnte Herangehensweise Teil eines Konzepts. Das Album ist jedoch thematisch so weit gefasst, dass wir selber in die angedeuteten Rollen schlüpfen können, als weißer Wal, als kaltherziger, diktatorischer Kapitän, als weißer Geist oder das salzige Meer selbst. Jene Freiheiten sollten wir uns nehmen, denn Moravek selbst sagt: "Diese Songs können von allem Möglichen handeln und wenn Du willst, verehrte Hörerin und verehrter Hörer, erzählen sie vielleicht von Dir." Sogar aktuelle Bezüge lassen sich herstellen, welches Unrecht geschieht heutzutage auf den Meeren unserer Welt. Und wieder gibt es viel zu viele Herrscher, die sich Politiker nennen, die jedoch danach trachten die Demokratie mit Füßen zu treten und Menschen zu unterdrücken. "November" erhebt nicht den Zeigefinger, es sendet subtile Botschaften, die dem Zuhörer Freiheit und Raum für eigene Gedanken und Interpretationen lassen. Zudem sind die Songs bei aller Nachdenklichkeit unterhaltsam, somit ein Genuss für Herz und Hirn. Wem das gelingt, der kann selbst mit großen internationalen Singer/Songwritern mithalten.

 

 Nach "In Transit (Is What We Are)“, das wir noch unverblümt als Americana bezeichnen konnten, überrascht uns der Mann vom Bodensee nun mit einem Genre übergreifenden Werk, das Shantys, die Jazz, Blues, Folk, Country, Ragtime und Weltliteratur in sich bergen, hervorbringt. Dabei klingt sein "November" Album so, als hätte er es gerade mal aus dem Ärmel geschüttelt. Dennoch hallen und wirken die Songs lange nach. Sie ergreifen einen und tauchen ganz unvermittelt im Alltag auf. Es sind schlichte Songs mit komplexer DNA. Mal ist es eine Melodie, ein anderes Mal Textzeilen, die einen auf die hohe See hinauskatapultieren oder die eigene Gedankenwelt und Assoziationsketten in Gang setzen. Dabei verlieren diese Shantys auch nach mehrmaligen Hör-Sessions nie das Geheimnisvolle und Rätselhafte, das immer unterschwellig mitschwingt. Moravek hat die Songs ursprünglich für das Bühnenstück geschrieben, als eigenständige Platte sind sie mindestens genau so gut. „November“ ist ein in die Tiefe gehendes, unterhaltsames, faszinierendes und anregendes Album!

 

 

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 Die Autos – Mit den Zehen am Abgrund (Ramshackle Records)

 

Gimme five! Die Autos mit ihrer fünften LP sind jetzt zu fünft. Zum Stammpersonal stieß Gitarrist Markus Görz, der mehr als das fünfte Rad am Wagen oder ein Ersatzreifen ist. Vielmehr sorgt das Quintett nun für volle Gitarrenpower. In den Abgrund blicken sie dennoch, aber "Mit den Zehen am Abgrund" ist mehr als ein Cliffhanger. Das beweist bereits der Opener "Ohne zu merken", der volle Kraft voraus als Power-Punkrock daherkommt. Der "Gouda-Moses" unterstreicht dies, hat jedoch einen melodieseligen Refrain, der zum Mitsingen animiert. Mancher wird den Titel in einer windschiefen Version von ihrem Mp3-Album "Hingetrocknet" kennen. "Entscheidend für die Einsamkeit" besticht mit einem variabel-druckvollen Drum-Bass-Fundament, darüber die geballte Drei-Gitarren-Kraft und leidenschaftlich-verzweifelte Stimmgewalt. "Wenn wir nicht hinsehen" bringt düsteren Post-Rock ins Spiel, verweist auf The Nightingales, kein Wunder, denn Multiinstrumentalist und Tontechniker Andreas Schmid wirkt bei der legendären Formation schließlich mit. Am ehesten alte Autos-Folk-Rock-Schule ist das "Schweigen der Jämmerlichen" mit einem herrlichen Clarence-Clemens-Gedächtnis-Saxophon und einer Prise Italo-Pop-Zucker. Noch einen Gang runter fährt "Das Bellen der Hunde", ein weiches, psychedelisch angefärbtes Stück. "Sonntag im Frühling" dagegen, ist wuchtiger Heavy Power Rock. Der Titelsong ist wahrscheinlich der eingängigste der ganzen Platte, Melodie, Hooklines und Refrain vom Feinsten. Das gleiche gilt für den "Samstag", der die perfekte Balance zwischen Pop und Rock findet. Dudelt da etwa eine Melodica? "Haltet mir einen Platz frei" pocht und fackelt, die Gitarren vibrieren, ein psychedelischer Schleier legt sich über das Ganze, dunkle Wolken ziehen vorbei. "Zusammen, zusammen" lässt das Album in Felt Manier melodisch schön ausklingen, ein Piano klimpert, eine Mundharmonika schwelgt, E-Gitarren und Orgel malen Luftschlangen, ein geradezu versöhnlicher Abschluss. Das fünfte Album der Autos ist ein Hammer. Post-Punk, Power Pop, druckvoll dynamischer Rock und gegen Ende die Magie ihrer frühen Postcard-Folk-Rock Tage im neuen Gewand. "Lieder, an denen man sich festhalten kann – auch wenn es nur für jetzt ist...", verspricht das Info. "Und gegen alle Widerstände müssen wir uns weiterlieben" heißt es in einem Song. Die Liebe der Autos-Anhänger ist ihnen gewiß. Wer zum wiederholten Mal derart melancholisch-optimistische Alltagslyrik in schmissige Rock'n'Roll-Lieder umwandelt hat nicht nur den Augenblick, sondern auch die Zukunft des deutschsprachigen Rock für sich erobert. "Mit den Zehen am Abgrund" blicken Die Autos in neue Höhen als wäre es nichts gleichzeitig Assoziationen zu Bruce Springsteens E-Street-Band, The Nightingales, The Posies, Felt, Element Of Crime und The Go-Betweens zu wecken. Gimme five! Sterne! Chapeau!

 

 

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 ROK – fünf sterne für eine durchzechte nacht

 

Der Foto- und Videokünstler ROK veröffentlicht mit "fünf sterne für eine durchzechte nacht" seinen zweiten Gedichtband. So viel vorneweg: Das dieses Mal mit Hardcover ausgestattete Buch hält das Niveau mühelos und steht seinem Vorgänger "die zärtlichkeit des schneemanns" in nichts nach. Geblieben ist auch die Zusammenarbeit mit dem Berliner Künstler und Musiker Samuel F.Sieber, der Illustrationen für das Buch und den Einband beigetragen hat. Seine Figuren spiegeln ROKs Lyrik auf wundersame Weise wider und umgekehrt. Wobei natürlich die Gedichte im Vordergrund stehen. Und die haben es wieder in sich. Hervorzuheben ist ROKs feines Gespür für Rhythmus und Melodie, beides erzeugt in seinen Gedichten einen langen Fluss. Der Leser wird in jenen Flow von der ersten Zeile an hineingezogen und will das schmale Bändchen gar nicht mehr beiseite legen. Das Kopfkino wird mit sachte bewegten Bildern und lakonischen Metaphern angeregt. Zudem sind einige Gedichte mit einer Prägnanz geschrieben, die wir in guten Rock- oder Pop-Songs finden. Einige Male schimmert auch der frühe Wolf Wondratschek ("Chucks Zimmer") durch und selbst der freigeistige Allen Ginsberg schwebt hin und wieder durch ROKs Wort-Räume und Wort-Träume. Seine Zeilen heben im Kopf des Lesers ab, ein sachter Flug gen Himmel, ein Sturz auf den Asphalt. Die harte Realität, die Schönheit des Lebens und die Farben der Melancholie sind oft nur ein Wort voneinander entfernt. Auf „fünf sterne für eine durchzechte nacht“ feiern Poesie und Beat eine Hochzeit. Fünf Sterne für einen Ulmer Poeten!

 

Käuflich zu erwerben bei der Buchhandlung Aegis in Ulm. E-Mail: info@aegis-literatur.de

Tel.: 07 31 . 6 40 51

 

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 Paul Roland with Mick Crossley – Grimmer Than Grimm / Paul Roland – 1313 Mocking Bird Lane

 

Der 1959 im englischen Canterbury geborene Paul Roland, hat bereits im Alter von 19 Jahren seine erste LP "The Werewolf Of London" aufgenommen. Sie wurde 1980 unter dem Bandnamen Midnight Rags veröffentlicht und unter New Wave, Synth-Pop und Glam eingeordnet. Sein erstes offizielles Solo-Album "Burnt Orchids" kam 1985 heraus. Apropos Glam, zu Rolands frühen Vorbildern zählte Marc Bolan, über den er auch drei Biografien geschrieben hat. Zudem verfasste er bereits einige Fantasy-, Schauer- und Mystik-Romane sowie Sachbücher zu diversen Themen. Ein vielseitiger Künstler, dem leider nie der große Ruhm vergönnt war, umso interessanter ist er als Singer/Songwriter und Autor geblieben. Neben Bolan zählen im Musikbereich so unterschiedliche Künstler wie Syd Barrett, Colin Blunstone, The Left Banke, Michael Nyman, Friedrich Georg Händel und einige andere zu seinen Vorbildern. In seinen Songtexten und Büchern sind bspw. Einflüsse von Charles Dickens, Edgar Allen Poe, aber auch von Comics erkennbar. Bis heute sind viele Musikalben und Bücher von ihm erschienen. Im Folgenden Besprechungen zu seinen zwei zuletzt veröffentlichten CDs.

 

Paul Roland with Mick Crossley – Grimmer Than Grimm (2018)

 

Rolands 2018er Longplayer "Grimmer Than Grimm" ist sozusagen ein Update von "Grimm", das in seinem Erscheinungsjahr 2011 bei einem Teil seiner Hörerschaft nicht so gut ankam, weil diese einen entsprechenden Nachfolger für das opulenter arrangierte "Nevermore" (2008) erwartet hatte. Womöglich war dies ein Beweggrund für Paul Roland mit Mick Crossley (Flyte Reaction u.a.) zusammenzuarbeiten und somit den Songs einen Neuanstrich zu verpassen. Was oberflächlich betrachtet als Zweitverwertung alten Materials erscheint, entpuppt sich als absoluter Zugewinn. Gewissermaßen die Kehrseite der Medaille mit einer abweichend gearteten, ebenso hochwertigen Strahlkraft. Wobei die weich twangende E-Gitarre wiederholt für eine poetisch-märchenhafte Atmopshäre sorgt, schließlich weist der Albumtitel bereits auf die Gebrüder Grimm hin. Wer dann seine Songs "A Long Time Ago", "Rapunzel", "Lowly Weeps The King", "Once Upon A Time" etc. bennent, der hat einiges zu erzählen. Roland bringt dies mit seiner sanft flüsternden Stimme zum Ausdruck. Als Zuhörer spitzt man förmlich die Ohren, wenn der englische Barde einem seine geheimnisvollen Lyrics geradezu ins Ohr zu flüstern scheint. Auch wenn die Basis der Platte eine akustische ist, erlangen die Songs durch hin und wieder fantasievoll eingesetzte Keyboards oder eine verspielte Flöte ein mystisches und dezent psychedelisches Flair. Wunderschön auch die eher selten eingesetzte Stimme von Rosie Eade. So ist "Grimmer Than Grimm" der Bruder von jenem "Grimm" geworden. Wer nun dem ursprünglichen Album lauscht, hört quasi die Neuinterpretation im Geiste mit. Und wie bereits gesagt: Beide Seiten der Medaille besitzen eine märchenhafte Strahlkraft!

 

Paul Roland – 1313 Mocking Bird Lane (2019)

 

 I know where The Munsters live. Nämlich in der "1313 Mocking Bird Lane", so der Titel von Paul Rolands aktuellem Album. "The Munsters" ist eine US-Comedyserie, die in den 60ern Jahren sehr erfolgreich war und genau der richtige Stoff für den englischen Singer/Songwriter, der im Gegensatz zum Vorgänger "Grimmer Than Grimm" hier in die Vollen geht. Die Platte ist Psychedelic Rock, der mit Baroque Pop Elementen und der ureigenen mystischen Note von Paul Roland daherkommt. Ausstaffiert mit akustischen und elektrischen Gitarren, flirrenden Keyboards, dunklen Bässen und einem vielfältigen Schlagzeug-Sound. Das zeigen bereits die ersten beiden Stücke "Salon Of The Senses" und "My Next Life" auf. Bei "When Chet Baker Sings" patschen die Drums und die E-Gitarren sprühen Funken um Rolands markante Stimme. "Whatever Happened To Baby Jane?" hat knallharte Drums und die Stromgitarren spucken Garage-Rock-Feuer. Das farbenprächtig schimmernde "She's A Mind-Reader" hallt und vibriert, "Voodoo Man" ist Heavy Psychedelic Rock mit kurzen Prog-Elementen versetzt, wiederholt jault und heult die E-Gitarre in höchsten Tönen. Bei "Joe Strummer Said" patschen und donnern wieder die Drums, Roland singt mit markanter Stimme zu hallenden Gitarren und flirrenden Keyboards. Dem verspielten "Another Ingmar Bergman Interlude" folgen die geheimnisvollen "Little White Lies". "Won't Go Surfin' No More" und "She's My Guru" halten das Album auf höchstem Psych-Pop-Niveau. Der "Summer Of Love" bringt psychedelischen Westcoast Folk-Rock und Baroque Pop auf einen Nenner. Am Ende steht der furiose Titeltrack mit einem wirbelnden Drum-Intro. Die Keyboards schillern in allen Farben, wilde Gitarren treffen auf peitschende Schlagzeughiebe. Als hätte Paul Roland die 13th Floor Elevators gemeinsam mit Question Mark & The Mysterians im Rücken. Was für ein Finale! Was für eine Platte! Vermutlich seine beste, wenn man ein Freund des etwas andersartigen Psychedelic Rock ist. Auf alle Fälle: Ein bunt schillerndes Kaleidoskop für Hirn und Ohr!

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 English version

Paul Roland with Mick Crossley – Grimmer Than Grimm / Paul Roland – 1313 Mocking Bird Lane

 

Born in 1959 in Canterbury, England, Paul Roland has recorded his first LP "The Werewolf Of London" at the age of 19. It was released in 1980 under the band name Midnight Rags and classified under New Wave, synth pop and glam. His first official solo album "Burnt Orchids" came out in 1985. Speaking of glam, one of Roland's early role models was Marc Bolan, about whom he also wrote three biographies. In addition, he has written some fantasy, gothic and mystery novels and nonfiction on various topics. A versatile artist, who unfortunately never had the great fame, the more interesting he remained as a singer / songwriter and author. In addition to Bolan count in the music field as diverse artists as Syd Barrett, Colin Blunstone, The Left Banke, Michael Nyman, Friedrich George Handel and some others to his role models. In his lyrics and books are influences of Charles Dickens, Edgar Allen Poe, but also recognizable by comics. To date, many music albums and books have appeared by him. Below are reviews of his two most recently released CDs.

 

Paul Roland with Mick Crossley – Grimmer Than Grimm (2018)

 

Roland's 2018 longplayer "Grimmer Than Grimm" is an update from "Grimm", which was not so well received by a part of his audience in his release year 2011, because they had expected a corresponding successor to the opulent arranged "Nevermore" (2008). Maybe this was a motivation for Paul Roland to work with Mick Crossly (Flyte Reaction et al.) and thus to give the songs a new makeover. What superficially appears as a secondary use of old material turns out to be an absolute gain. In a sense, the flip side of the medal with a different, equally high-quality radiance. Where the soft twangy electric guitar repeatedly provides for a poetic and fairy-tale atmosphere, finally, the album title already points to the Brothers Grimm. Who calls his songs "A Long Time Ago", "Rapunzel", “Lowly Weeps The King", "Once Upon A Time" etc., has to tell a lot. Roland expresses this with his softly whispering voice. As a listener you literally prick up your ears when the English bard seems to whisper his mysterious lyrics in your ear. Even if the base of the record is an acoustic one, the songs acquire a mystical and discreetly psychedelic flair through the occasionally imaginative keyboards or a playful flute. Beautiful also the rather rarely used voice of Rosie Eade. So "Grimmer Than Grimm" became the brother of that "Grimm". Who now listens to the original album, virtually hears the reinterpretation in spirit. And as already said: Both sides of the medal have a fairytale radiance!

 

Paul Roland – 1313 Mocking Bird Lane (2019)

 

I know where The Munsters live. Namely in the "1313 Mocking Bird Lane", the title of Paul Roland's current album. "The Munsters" is a US comedy series, which was very successful in the 60s and just the right stuff for the English singer / songwriter, who in contrast to the predecessor "Grimmer Than Grimm" goes here in the full. The record is Psychedelic Rock, which comes along with Baroque pop elements and the very own mystical touch of Paul Roland. Equipped with acoustic and electric guitars, shimmering keyboards, dark basses and a diverse drum sound. The first two tracks "Salon Of The Senses" and "My Next Life" already show that. In "When Chet Baker Sings" the drums are splashing and the electric guitars are spewing sparks for Roland's distinctive voice. "Whatever Happened To Baby Jane?" has rock-hard drums and the electric guitars spit garage rock fire. The colorful shimmering “She's A Mind-Reader" echoes and vibrates, "Voodoo Man" is heavy psychedelic rock with short prog elements added, repeatedly yowls and howls the electric guitar in highest tones. "Joe Strummer Said" is where the drums thunder again, Roland sings with a striking voice to reverberating guitars and flickering keyboards. The playful "Another Ingmar Bergman Interlude" is followed by the mysterious "Little White Lies". "Will Not Go Surfin 'No More" and "She's My Guru" hold the album at the highest psych-pop level. The "Summer Of Love" brings the psychedelic Westcoast folk-rock and baroque pop on a common denominator. At the end is the furious title track with a whirling drum intro. The keyboards shimmer in all colors, wild guitars meet whipping drumbeats. As if Paul Roland had the 13th Floor Elevators together with Question Mark & The Mysterians in his back. What a finale! What a record! Probably his best if you are a friend of the slightly different Psychedelic Rock. In any case: A colorful iridescent kaleidoscope for the brain and ear!

 

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Roadtracks #54

John Paul White – The Hurting Kind (Single Lock Recordings / Alive)

 

 

 

Das Ende von The Civil Wars war und ist bedauerlich. Ein Verlust. Ein Gewinn dagegen, dass wir nun in den Genuss von Solo-Platten des ehemaligen Duos kommen. Beinahe zeitgleich veröffentlichen nun Joy Williams und John Paul White ihre neuen Alben. Letzterer bringt mit "The Hurting Kind" eine geradezu "klassische" Nashville-Pop-Platte heraus, ganz in der Tradition von Roy Orbison, Jim Reeves und Patsy Cline. Ein übriges tut die glasklare und dennoch sanftmütige Produktion, die die Nähe zu den Künsten eines Bill Porter oder Chet Atkins herstellt. Umso erstaunlicher, dass die zehn Songs gleichzeitig modern und traditionell schallen. Dies wird gleich beim Album eröffnenden "The Good Old Days" deutlich, das rhythmisch-melodisch ins Reich des frühen bis zum späten Roy Orbison führt, somit hin zu Jeff Lynne respektive den Traveling Wilburys. Oder noch weiter nach vorne: Michael Fracasso in den 90ern und 00ern sowie Andrew Combs, dessen "All These Dreams" (2015) mit ähnlichen Mitteln glänzte. "I Wish I Could Write A Song" hat die wunder-schönsten twangend-hallenden Steel-Gitarren, die geradezu mit der meisterlich croonenden Stimme des Protagonisten verschmelzen. Am Horizont werden dramatische, sehnsuchtsvolle Streicher an den blauen Himmel gemalt. "Heart Like A Kite" beginnt mit sanft getupften Piano- und Akustikgitarren-Takten, nach und nach gesellen sich ein Besen gestrichenes Schlagzeug, dezenter Bass und die herzerweichende Steel-Gitarre hinzu, die mit der flehenden Stimme Whites schwelgt. "Yesterday's Love" ist ein schmachtender Country-Schleicher, eher zuckersüß denn bitter. "The Long Way Home" ist der vielleicht rockigste, besser poppigste Titel des Albums. Dem folgt der im Walzertakt tapsende Titelsong, ein bittersüßes Schmachtstück. "This Isn't Gonna End Well" beginnt ähnlich wie Orbisons "Running Scared", baut aus Dramatik, Theatralik und Schmalz einen himmelsstrebenden Song im Duett mit Lee Ann Womack. Gleichzeitig ein wir-vermissen-The-Civil-Wars-Moment. Nur Akustikgitarre und Gesang leiten "You Lost Me" ein, danach gesellen sich Piano, Bass, Drums und herrliche Background-Stimmen (Erin Rae, The Secret Sisters) zu Whites sehnenden Phrasierungen. Nicht zu vergessen die herzerweichende Country-Fiddle und die weinende Steel-Gitarre. "James" ist eine leise, fein instrumentierte Country-Crooner-Ballade, die mitten ins Herz trifft. Das finale "My Dreams Have All Come True" ist ganz großer Kitsch, der nochmals die ganze Palette auffährt: Streicher, Hall, Crooning, Drama und jede Menge Emotion! John Paul Whites bisherige Solowerke mögen artifizieller und raffinierter sein, aber alleine was die gesangliche Leistung betrifft, ist er hier überragend. Wie er die Vokale dehnt und die Konsonanten setzt, seine Stimme scheinbar mühelos und ohne Manierismen sachte vibrieren und tremolieren lässt, ist allererste Sahne. "The Hurting Kind" baut die Brücke vom großen Kitsch zur großen Kunst. Zehn bittersüße Songs, die aus dem Guten, Wahren und Schönen schöpfen! Chapeau!

 

 

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ROADTRACKS #54

 

Josh Ritter – Fever Breaks (Pytheas Recordings / Alive)

 

Seit zwei Jahrzehnten ist der Amerikaner Josh Ritter als Singer/Songwriter in Sachen Folk, Country und Americana unterwegs. Zudem veröffentlichte er 2012 den Roman "Bright's Passage". Für sein aktuelles Album hat er sich prominente Unterstützung geholt. Er ließ sich von seinem Songwriter-Kollegen und Grammy-Gewinner Jason Isbell seine neue Platte "Fever Breaks" produzieren. Zudem spielte Isbell und seine Band The 400 Unit in Nashvilles RCA Studio mit. Keine schlechten Voraussetzungen für gute Aufnahmen. Ritter liefert hier sogar exzellente Songs ab, die zwischen Folk, Country, Pop und Rock pendeln, wobei die Gewichtung jener Stile von Titel zu Titel variiert. Mit dem gen Roots-Rock weisenden, verhalten optimistisch gestimmten "Ground Don't Want Me" eröffnet Ritter den Songreigen, dabei wird seine ausdrucksstarke Stimme von Amanda Shire im Background flankiert. Eine dunkel riffende E-Gitarre ist neben Ritters Stimme das zentrale Element auf "Old Black Magic", gegen Ende des Songs übernimmt schließlich ein Lead-Gitarren-Solo das Kommando. Die weich fließenden Klänge von "On The Water" übertragen sich auf das nachfolgende "I Still Love You (Now And Then)", das Ritter wunderbar akzentuiert, dazu wiegt uns das gefühlvoll gespielte Akkordeon in Sanftmut. Mehr gesprochen als gesungen wird "The Torch Committee", das von Minute zu Minute aufwühlender und lauter wird. Milder gestimmt umgarnt uns das auf Akustikgitarre basierende "Silverblade", mit malerischen Klängen von E-Gitarre und Violine. Beim semi-akustischen, zirpenden "All Some Kind Of Dream" sind The 400 Unit in Hochform, sie mahnen gar an Bob Dylans Live-Band der letzten zwei Jahrzehnte. "Losing Battles" ist astreiner Midtempo-Roots-Rock, wogegen "A New Man" und das Album schließende "Blazing Highway Home" die leiseren Töne anstimmen. Mit "Fever Break" stellt Josh Ritter abermals unter Beweis, dass er nach wie vor zu den sehr guten Singer/Songwritern zählt. Eine gefühlvolle, mit Herzblut eingespielte Platte, die auch nach mehreren Durchläufen berührt.

 

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ROADTRACKS #54

 

Jim Jones & The Righteous Mind – CollectiV (Masonic Records / Cargo)

 

 Ende der 80er und in den 90ern war Sänger und Gitarrist Jim Jones ein Teil von Thee Hypnotics, die sich 2018 wiedervereinigten und mit Mudhoney auf Tour waren. Von 2008 bis 2014 war The Jim Jones Revue ein heißer Ofen im Garage-Rock. Seit 2015 werkelt man unter dem Namen Jim Jones & The Righteous Mind und veröffentlichte 2017 den Knaller "Super Natural". Diese Platte zu toppen war naturgemäß ein kaum zu bewältigendes Unterfangen, zumindest annähernd gut ist "CollectiV" geworden. Die Zutaten sind die gleichen geblieben: Garage-Rock der 60er, Früh-70er-Punk im Geiste der MC5 und The Stooges sowie die 80er Variante, die in Richtung Gun Club, Flesh Eaters usw. zielt. Dabei ist Wortführer Jim Jones mit seiner krächzenden, sich manchmal förmlich überschlagenden Reibeisenstimme, die alles aus sich herausholt, wieder in vorderster Front zu finden. Das Wort Leidenschaft ist noch eine Untertreibung für das was Jones hier abliefert. Ein Mann, der unter Strom steht, wie die Gitarren, die heulen, jaulen oder mit messerscharfen Riffs und Licks betören. Dazu krachen Bass und Drums mit brachialen Rhythmen ins Geschehen, hin und wieder flankiert von einem dermaßen hämmenden Piano, dass man um das Heil der Tasten fürchtet. Selbst das Saxofon hat hier seine Berechtigung, da flackern einem The Sonics und The Flesh Eaters ins Gedächtnis. Zudem glühen und glimmen auch die ruhigeren Stücke des Albums in den Farben des Coverartworks: Rot, Blau und Schwarz. Das Songwriting ist einen Tick weniger stark als beim Vorgänger, dennoch reißt einen die Platte mit. "CollectiV" klingt so als hätten Gallon Drunk und The Great Crusades ein wüstes Fest gefeiert. Wer etwas für Rock'n'Roll im Zeichen des Garage-Punk übrig hat, der muss das haben!

 

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ROADTRACKS #54

 

The Flesh Eaters – I Used To Be Pretty (Yep Roc / H'Art)

 

 Für die Flesh Eaters begann alles 1977 in Hollywoods Punkclub The Masque. Die Konstante über die Jahre hinweg war und ist Sänger, Lieder- und Textschreiber Chris D., der hinter dem D. seinen poetischen und für Amerikaner schwer auszusprechenden Nachnamen Desjardins verbarg. Besonders die Alben "A Minute To Pray, A Second To Die" (1981) und "Forever Came Today" (1982) waren voller wilder Energie, spannungsgeladener Dynamik und einer mitreißenden Leidenschaft. Die Besetzung ihrer 81er LP mit Dave Alvin, Bill Batman, John Doe, D.J. Bonebrake und Steve Berlin ist legendär, denn die einzelnen Mitglieder begleiteten Bands wie The Blasters, X, Plugz und Los Lobos. Mit genau jener Besetzung sind die Flesh Eaters nun zurück im Spiel. Mit dem Opener "Black Temptation" feuern sie gleich mal die erste Salve ab. Ein Song, der auch auf die oben erwähnten 80er Punkrock-Klassiker gepasst hätte. Apropos Klassiker: Sechs der elf Tracks sind Neuinterpretationen von Eigenkompositionen der Flesh Eaters, die zwar zünden, jedoch nicht ganz das Feuer und die Passion der Originale entfachen. Aber wer schafft das schon von den alten Punk Veteranen. Anstelle dessen wird eine ausgefeiltere (aber immer noch grobe) Umsetzung des Materials dargeboten, das so neue Facetten der Songs zum Vorschein bringt. Zudem sind Chris D. & Co. immer noch in der Lage den Titeln die entsprechende Dramatik und gespenstische Noten beizubringen. Man höre das Fleetwood Mac Cover "The Green Manalishi" und das neu interpretierte "The Youngest Profession", das im Original auf ihrer 1991er Do-LP "Dragstop Riot" erschien. "Cinderella" (The Sonics) wirkt etwas bemüht und ist dem Original klar unterlegen. Dagegen zünden ihre Neufassungen von "Pony Dress" und "The Wedding Dice" mit treibender Rhythmik, feurigen E-Gitarrensalven und furiosem Saxofon-Gebläse. Von "She's Like Heroin To Me" (The Gun Club) hätten sie besser die Finger gelassen, wobei Chris D. bei jenem Titel und dem legendären "Fire Of Love" Album seine Produzenten-Hände im Spiel hatte. Am Ende steht "Ghost Cave Lament", ein 13-minütiges Klagelied, das zwar Spannung aufbaut, die sich jedoch in etwas zu monotonen Sequenzen verliert. Immerhin kann sich der Hörer an Chris D.s Text und Stimme entlanghangeln, gesanglich unterstützt von seiner Ehefrau Julie Christensen. Im Ganzen betrachtet ein gutes Album der Flesh Eaters mit Neubearbeitungen eigener Songs, fremdem Material sowie zwei aktuellen Liedern. Also: Rosinen rauspicken und Lautstärkeregler aufdrehen!

 

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Mein Roadtracks-Kollege Heino Walter hat kürzlich seinen Blog "Lost & Found: Musik ohne Grenzen" gestartet, den ich Euch nicht vorenthalten möchte: https://littlewalter1957.blogspot.com/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Schöfisch & Rueß – Tanzmaschine (Ramshackle Records)

 

Nach ihrem großartigen Debüt-Album "Klappern Knurren Rauschen" (2017) wirft das Duo aus dem Schwabenland die "Tanzmaschine" an. Ein frisch polierter und gut geölter Rock 'n' Roll Motor wird mit den furiosen, im Noise-Rock verhafteten Auftaktnummern "So schön" und "Alleine in der Dunkelheit" gestartet. Im Anschluss wird "Anfang und Ende" mit angezogener Handbremse gefahren. Das wütende "Du willst alles" ist ein harter Brocken, der vor Energie nur so strotzt. Ganz unerwartet klampft dann Simon Schöfisch auf der Akustischen bei "Nichts und niemand", T.V. Smith lässt grüßen. Das Titelstück ist Punk und Pop in einem, lässt einen Pogo tanzen zum melodieseligen Mitsingrefrain. Auf "Gift" werden Noise-Pop und Heavy-Rock zu einer toxischen Mischung. "Ich renne" marschiert forsch mit Daniel Rueß' Schlagzeug und Simon Schofischs feuriger Stromgitarre und im Hintergrund schlängelt gar eine Orgel. "Höllische Hitze" dröhnt in den Klangfarben Rot, Gelb und Schwarz und auf "Ich hab gedacht, dass ich es soll" singt und schreit Schöfisch in Höchstform. "Der Letzte" ist eine dreckige Pop-Ballade, könnte auch ein Stück der Autos sein, bei denen Schöfisch ebenfalls als Sänger und Liederschreiber fungiert. Mit ihrer zweiten Platte zeigt das Duo wieder ein Mal auf, dass der Rock 'n' Roll nicht mehr braucht als Stimme, Schlagzeug und E-Gitarre. Da darf dann gerne kurz mal die Akustikgitarre oder die Orgel eingesetzt werden. Nicht zu vergessen die Texte des Duos, die die Balance zwischen Anspruch, Wut, Nachdenklichkeit und Alltagsschmerz finden. Diese „Tanzmaschine“ ist ein Fest für Freunde des groben, skelettierten Rock 'n' Roll. Eine lärmende, stampfende, berstende und vor Energie und Dynamik nur so strotzende Platte. Bravo!

 

Anhören hier

 

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 Eric Bachmann – No Recover (Merge / Cargo)

 

 Nach dem Indie-Rock der 90er mit Archers of Loaf und dem Seitenprojekt Barry Black, begann Eric Bachmann im Jahr 2000 unter dem Pseudonym Crooked Fingers zu veröffentlichen. 2002 erschien schließlich unter seinem eigenen Namen "Short Careers", dem 2006 "To The Races" folgte. Nach "Eric Bachmann" von 2016 dürfen wir nun der aktuellen LP "No Recover" lauschen. Die beginnt mit "Jaded Lover, Shady Drifter", das mit minimaler Rhythmik und einer kreisrunden, eindringlich gespielten Akustikgitarre sowie Bachmanns leicht angerauter Stimme den Hörer ins Geschehen hineinzieht. Gezupfte akustische Saiten bringen uns "Daylight", der Morgentau und die aufgehende Sonne wären auch ohne das schöne Coverartwork als imaginäre Bilder entstanden. Der "Murmuration Song" verzaubert mit Melodie und Poesie, "Boom And Shake" entführt uns ins Sphärische und „Yonah“ erreicht das Himmlische mit engelsgleichen Chorstimmen, die von der akustischen Gitarre sanft geerdet werden. Das Titelstück betört mit Liz Durrett als Background Sängerin und seiner weich dahin fließenden Melodie. Es folgt das mit E-Gitarre schwirrende „Waylaid“ und die immergrün wuchernde „Wild Azalea“, die in der Sonne glitzert. Am Ende sind wir alle „Dead And Gone“, schwebende Synthesizer-Klänge, die formidabel gespielte Akustikgitarre und Bachmanns versöhnliche Singstimme sind ein würdiges Finale für ein entspanntes, gleichermaßen mit zurückgenommenem Spannungsbogen entwickeltes Album. Eric Bachmann gelingt es, Folk, Electronica und Minimal Music zu verbinden, etwas Eigenes daraus zu kreieren. Der Singer/Songwriter ist kürzlich Vater geworden, ein Umstand, der in dieses Album mit eingeflossen ist. Es strahlt Gelassenheit aus und er hat als Vater einen anderen Blick auf die Welt, wobei „No Recover“ keineswegs eine Laid-Back-Platte oder vor sich hinplätschernder Folk-Pop ist. Bachmann verstand es jenen Fallstricken zu entgehen, die Qualität seiner Kompositionen und die sachten Arrangements sind hierfür verantwortlich. Für Menschen die King Creosote, James Yorkston etc. lieben, die sollten, ja müssen dieses Album kaufen!

 

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 River Whyless – Kindness, A Rebel (Roll Call / The Orchards)

 

Der geschätzte Roadtracks-Kollege Heino Walter hat mir vor einiger Zeit Paul Simon näher gebracht, den allseits bekannten Singer/Songwriter, den ich fälschlicherweise immer etwas links liegen ließ. Was das mit dem Album "Kindness, A Rebel" von River Whyless zu tun hat? Nun, die Vier bevorzugen eine Herangehensweise, die einige Ähnlichkeiten mit Simon aufweist. Wie er bedient sich die in Asheville, North Carolina gegründete Band diverser Stile, die sie gekonnt in ein stimmiges Album überführen. Im Detail lassen sich zwar Folk, Country und Weltmusik heraushören, als Ganzes betrachtet wird es feinsinnige und kunstfertige Popmusik. Dabei stechen die Harmoniestimmen und die weit reichenden Melodiebögen hervor. Neben Paul Simon sind Einflüsse der Beach Boys, Vampire Weekend, Fleet Foxes und The Decemberists auszumachen. Paul Butler (St. Paul & the Broken Bones, Michael Kiwanuka) hat die Platte eindrucksvoll produziert, der Klang ist klar und luftig. Die Stimmung der einzelnen Titel wechselt zwischen melancholisch, hymnisch, glückselig, harmonisch und kommt nahezu immer auf die sanfte Art beim Hörer an. "Kindness, A Rebel" ist ein gehaltvolles Pop-Album geworden, das viele Facetten und Farben aufweist und hoffentlich nicht untergehen wird in der Vielzahl der Herbst-Veröffentlichungen.

 

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 PR Newman – Turn Out (DevilDuck/Indigo)

 

 Aus Austin, Texas kommt PR Newman, er hat aber mit dem klassischen Austin-Sound nur wenig gemein. Im wirklichen Leben heißt er Spencer Garland und der von seinem Spitznamen "Punk Rock Randy Newman" abgeleitete Künstlername führt ebenso auf die falsche Fährte, denn archetypischer Punk findet sich nicht auf "Turn Out", wobei der Haltung des Künstlers durchaus etwas Anarchisches anhaftet. PR Newman selbst bezeichnet seine Musik als "Modern Rock'n'Roll". Matthew Logan Vasquez hält ihn gar für ein Genie, bei dessen Band hat er als Keyboarder und Gitarrist mitgewirkt. Thematisch sind Garlands Songs weit gefächert und von seinem Humor geprägt, was sich auch in der musikalischen Ausrichtung widerspiegelt. Basierend auf Americana nimmt sich PR Newman sämtliche Freiheiten und setzt auf einen Stilmix aus Funk, Westcoast Pop, Jazz, Soul und Country-Rock. Elemente, die zu einem Album zusammengeschweißt werden und eher windschief denn aus einem Guss klingen. Ziemlich einzigartig, so dass Vergleiche kaum gezogen werden können. Am ehesten käme Jim White in Frage, der eine ähnliche Herangehensweise pflegt. Für "Turn Out" sollte sich der Zuhörer Zeit lassen und der Platte mehrere Chancen geben, um den hintersinnigen Humor und die melodische Qualität der Lieder wahrzunehmen.

 

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 Neil & Liam Finn – Lightslepper (PIAS/Inertia/Rough Trade)

 

 Eine Familienangelegenheit ist "Lightsleeper" von Vater Neil und Sohn Liam Finn, die zudem noch Sharon Finn (Ehefrau, Mutter) und Elroy Finn (Sohn, Bruder) mit ins Studio nahmen. Neil kennen wir alle noch von Crowded House und neuerdings tourt er als Mitglied von Fleewtood Mac. Kein Wunder also, dass Mick Fleetwood himself an dem Album beteiligt war. Nichtsdestotrotz stehen Vater und Sohn im Vordergrund und zaubern hier eine sanft psychedelische Platte aus dem Hut, die mit Luft- und Leichtigkeit in die Ohren des Hörers schwebt. Milde, pure Entspannung bescheren uns die elf Lieder. Hingehaucht und hingetupft werden die Töne in sanften Farben, es entstehen Bilder im Kopf, die einen in eine andere Welt tauchen. Dabei verstehen es die Neuseeländer analoge und digitale Klänge zu verschmelzen. Sie setzen nicht auf das gewohnte Vers-Refrain-Schema, sondern erfinden freigeistige Melodien, die sich mühelos mit dem Atmosphärischen vermählen. Über "Lightsleeper" legt sich ein Spannungs-Regenbogen, der die elf Songs als Ganzes milde leuchten lässt. Bleibt zu hoffen, dass Neil & Liam Finn uns noch weitere Werke dieser Art schenken werden.

 

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 Michael Nau – Michael Nau & The Mighty Thread (Full Time Hobby/Rough Trade)

 

 Genau die richtige Platte für die Herbst-Winter-Saison. Zum Zurücklehnen und durchatmen nach einem arbeitsreichen Tag oder als Hintergrundbeschallung zu einem Essen mit Freunden. Michael Nau war vor seiner Solokarriere bei Page France und Cotton Jones und veröffentlichte 2016 die erste Platte ("Moving") unter seinem Namen. Es folgte 2017 "Some Twist" und nun "Michael Nau & The Mighty Thread". Das Album hat einen weichen Flow, dem man gerne folgt, dabei stehen die Keyboards und die entspannt, leicht nölende Stimme von Michael Nau im Vordergrund, während Bass und Schlagzeug ein zurückgenommenes federnd-beschwingtes Fundament legen. Herausgekommen ist eine relaxte Pop-Scheibe, die sich einige Male im Softrock/Easy Listening der 70er wiederfindet und dabei eine gute Figur macht. Die Gefahr dabei zu dick aufzutragen wird von den feinsinnigen Arrangements und der schlichten Produktion gekonnt umgangen. Und der Singer/Songwriter sagt selbst: "Es fühlt sich mehr wie eine Band-Platte an als je zuvor." Zudem ist sie schön "vintage" und klingt dennoch frisch.

 

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 RJ Chesney – Amateur Revolution

 

Vom geschätzten Roadtracks Kollegen Christian Anger erhielt ich ein namenloses Mp3-Album, das sofort bei mir eingeschlagen hat. Dabei handelt es sich um den US-Singer/Songwriter RJ Chesney, der "Amateur Revolution" in Eigenregie veröffentlicht hat. Bereits der erste Durchgang versetzt einen in Schwung und lässt die Beine nicht still stehen. Die Melodien, die Chesney aus Country, Pop und Rock zimmert, sind dermaßen infizierend, dass der geneigte Hörer nichts anderes mehr hören möchte. Mit einer Lässigkeit und Lockerheit wie wir sie vom Sir Douglas Quintet kennen und einer Stimme, die ähnlich laid back und entspannt wie die von Jeb Loy Nichols beim Hörer ankommt, berührt einen Chesney ein ums andere Mal. Dabei zwingt einen die Pedal Steel förmlich in die Knie oder sie lädt zum Tanzen ein. Die Rhythmusgruppe spielt federnd und locker vom Hocker, zwischendrin ein Honky Tonk Piano und die weiblichen Chorstimmen sind so fein im Mix gesetzt, dass unwillkürlich die Ohren gespitzt werden. Überhaupt wurde das Ganze vortrefflich von HP Gundersen und Jason Hiller in Norwegen produziert. Da freut sich der Connaisseur bereits auf die angekündigte Vinyl-Scheibe. Doch egal welches Format: Ein herrliches Album, das in allen Lebenslagen nebenbei oder konzentriert gehört werden kann. Zudem laden die Songs wiederholt zum Tanzen ein und transportieren ganz nonchalant den Geist von Hank Williams, Johnny Cash und Gram Parsons. Nenne es Country-Pop, Roots-Music oder Americana, du wirst süchtig werden danach! Glücklicherweise hat der Gute bereits "Angels Falling" (2015) aufgenommen, das mindestens ebenbürtig ist und mit einem höheren Balladen-Anteil glänzt. Für beide Platten gilt: Sie laufen ohne Verfallsdatum, sorgen wieder und wieder für ein Hörvergnügen und eine super angenehme Entspannung. Also Leute: Kauft RJ Chesney-Platten, ihr werdet es nicht bereuen!

 

Veröffentlichung ist für Januar 2019 angekündigt.

 

English version by Google translator:

 

From the esteemed Roadtracks colleague Christian Anger, I received an unnamed Mp3 album, 
which immediately hit me. It is the US singer / songwriter RJ Chesney, who has published
"Amateur Revolution" on his own. Already the first listen will get you going and will not make your legs stand still. The tunes Chesney makes from country, pop and rock are so infectious that the gentle
listener does not want to hear anything else. With a nonchalance and laxity as we know it
from Sir Douglas Quintet and a voice that sounds as laid back as Jeb Loy Nichols's on the listener,
Chesney touches it over and over again. At the same time, Pedal Steel literally forces you to knees
or invites you to dance. The rhythm section plays bouncy and relaxed from the stool, in between an
honky tonk piano and the female choir voices are so finely set in the mix that involuntarily the ears
are sharpened. In fact, the whole thing was excellently produced by HP Gundersen and Jason Hiller in Norway. The connoisseur is already looking forward to the announced vinyl record. But no matter what format: A wonderful album that can be heard in all situations by the way or concentrated.
In addition, the songs repeatedly invite you to dance and transport nonchalantly the
spirit of Hank Williams, Johnny Cash and Gram Parsons. Call it Country Pop, Roots Music or Americana, you'll get addicted to it! Fortunately, the Good has already recorded "Angels Falling" (2015), which is at least equal and shines with a higher ballad share. For both plates applies: They run without expiration date, provide again and again for a listening pleasure and a super pleasant relaxation. So people: Buy RJ Chesney records, you will not regret it!

 

 

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The Ar-Kaics – In This Time (Wick Records / Groove Attack) Release Date 26.10.2018

 

 

 

Aus Richmond, Virginia kommen The Ar-Kaics, die nach einigen Singles und ihrem Debütalbum nun ihre zweite LP veröffentlichen. Und was für eine! Als hätten sie soeben mal das alte Genre des Sixties-Garage-Rock neu erfunden. Das Versprechen ihrer vorherigen Platten wird hier voll und ganz eingelöst. Im Prinzip machen sie alles wie bislang, mit dem Unterschied, dass ihre Songs nun ausgereifter und „produzierter“ klingen. Jedoch mit der gleichen Lässigkeit und Unverfrorenheit heruntergespielt, die sich sofort auf den Zuhörer überträgt. Kopfnicken und wippende Extremitäten sind die Folgeerscheinungen. Spätestens der zweite Titel (das leichtfüßigen „Some People“) transportiert einen auf eine in psychedelische Lichtspiele gehüllte Tanzfläche. „No Vacancy“ zwingt einen mit Hall und Schreien in die Knie. Dem stoisch psychotischen „She's Obsessed With Herself“ folgt das rotzige „Sick & Tired“. „Cut Me Down“ rockt und schwurbelt mit angezogener Handbremse. „Distemper“, „It's Her Eyes“ und „What You Do“ schüren die Glut und halten das Niveau auf hohem Level. Das eindringliche „You Turn Me Bad“ knallt mit furiosen Schreien und hallenden Twang-Gitarren ins Gehör. Der Titelsong flirrt mit irrlichternden Psych-Sounds und wahnhaften „Aaahhh“-Chören. Das abschließende „Long Way Down“ entlässt mit lockeren Rhythmen, Psych-Gitarren, einem irren Saxofon und lässigen Singalongs. The Ar-Kaics sind wahrhaftige Rock'n'Roll Goldgräber, sie sieben in den 60ern bei The Velvet Underground, The Kinks, The 13th Floor Elevators, in den 80ern bei den Lyres, Plasticland und in der Neuzeit beim Bleeding Knees Club und den Allah-Las, wobei sie keine der genannten Bands kopieren. Sixties-Garage-Rock ist längst ein zeitloses Genre und ebenso zeitlos ist dieses hervorragende „In This Time“ Album. Play it loud!

 

 

Hawelka – Liebe oder Hass

 

Lassen wir den Standard-Satz "Sie haben sich neu erfunden" beiseite und sagen Hawelka klingen frischer, neuer und härter als je zuvor. Von The Doors, Polka oder Osteuropa-Folk müssen wir nicht mehr sprechen, auch wenn jene Elemente noch subtil mitschwingen. Produzent Ralv Milberg (Die Nerven) war bereits beim Vorgänger "Das Fest" zugegen und lässt das Stuttgarter Trio noch schärfer und mit mehr Verve aus den Boxen schallen. Petr Novaks unverkennbare Stimme fabuliert die deutschen Texte mit Schmerz ohne Pathos, nimmt kein Blatt vor den Mund, hat den Blues, der von Stuttgart über Wien bis in seine tschechische Heimat reicht und eine Art zu singen, die hierzulande ihresgleichen sucht. Die Orgel (gespielt von Jan Georg Plavec) wurde bei einigen Stücken etwas in den Hintergrund gemixt, erzeugt mysteriöse, geheimnisvolle Bilder, rollt dann wieder fett in den Vordergrund oder flirrt und flackert wie die bunten Lichter einer urbanen Indie-Disco. Den Tanzboden zum Beben bringt Schlagzeuger Christian Seyffert und Novaks Gitarren zimmern Noise-Rock-Lärm mit feiner Hand und krachender Faust. Kunst und Handwerk. Harter Rock und New Wave. Liebe und/oder Hass. Zum Tanzen, Nachdenken und Mitsingen. Mit Hawelka muss Deutschland rechnen – von wegen – sie sind längst angekommen da wo es weitergeht, vielleicht erst richtig anfängt. Auf jeden Fall: Eine Hammerplatte!

 

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Little Barrie – Death Express (Non Delux / Cargo)

 

 

 

Das 'Better Call Saul' Theme (hier auf "Death Express" enthalten) hat Little Barrie sicherlich einen Karriereschub verpasst. Verdientermaßen, denn seit ihrem Debütalbum "We Are Little Barrie" (2005) hat die Band aus London immer gut abgeliefert. Als Power Trio stehen sie in der Tradition von Cream, Taste, The Jimi Hendrix Experience usw. Dennoch klingen Little Barrie alles andere als nostalgisch. Ihr Gebräu aus Heavy Rock, Blues, Soul, Funk, Surf und Psychedelia klingt immer frisch und energetisch. Auf ihrem fünften Album klotzen die Drei mit einer Spielzeit von fast 65 Minuten ohne den Hörer dabei zu langweilen. Im Gegenteil, sie nehmen uns mit auf einen langen, schillernden Trip, den sie "Death Express" nennen. Demenstprechend werden die grellen psychedelischen Farbspiele wiederholt ins Dunkel getaucht. An 20 Haltestellen rauscht der Todesexpress vorbei und entwickelt dabei Sogwirkung und einen Groove, der einen mit allen Sinnen mitschwingen lässt. Barrie Cadogan ist als Sänger und Gitarrist der Chef. Er mag nicht der ausdrucksstärkste Sänger sein, hat aber das gewisse Etwas auf den Stimmbändern. Seine E-Gitarre fuzzt, swingt und kreischt in den höchsten Tönen, dazu taktet und rumort der melodisch gestimmte Bass von Lewis Wharton, während Virgil Howe an den Drums einen Wirbelsturm entfacht. Zum Glück wurde die Platte nicht wie im Vorfeld angedacht gekürzt, denn "Death Express" ist im Grunde ein einziger Titel, der in 20 Abschnitte/Songs unterteilt ist. Keinen davon will man wissen und die Skip Taste bleibt unberührt. Weiter so Little Barrie!

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David Ramirez – We're Not Going Anywhere (Sweetworld / Alive)

 

 

 

Aus Texas kommt David Ramirez, der mit Alternative Rock seine musikalische Laufbahn startete. Als er ein Album von Ryan Adams hörte, tauchte er tiefer ins Singer/Songwriter Genre ein und entdeckte Bob Dylan u.v.a. mehr. Mit "We're Not Going Anywhere" legt er nun seinen dritten Langspieler vor und geht seinen Richtung Americana eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Ramirez kann Songs schreiben, denen er mit seiner samtschwarzen Stimme einen ganz eigenen Anstrich verpasst. Im Rücken hat er eine ausgezeichnete Band, die vor allem im mittleren bis langsamen Tempo agiert. Dabei umrahmt ein spaceiger Klangraum den passionierten Gesang des Amerikaners. "Watching From A Distance" klingt gar als hätte er mit The Cars zusammengearbeitet. In Punkto Komposition und Atmosphäre fallen einem Namen wie Ryan Adams, Jason Isbell, Robert Ellis und Josh Ritter ein. Wiederholt nehmen einen die Balladen gefangen, die vom Piano dominierten "Eliza Jane" und "I'm Not Going Anywhere" bereiten Gänsehaut. Gilt auch für die eindringlichen Gitarrensongs "Stone Age" und "Telephone Lovers". Im Gesamten betrachtet hat David Ramirez hier mehr als ordentlich abgeliefert. Sein bislang bestes Album!

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Katie von Schleicher – Shitty Hits (Full Time Hobby / Rough Trade)

 

 

 

Katie von Schleicher ist eine amerikanische Singer/Songwriterin, die dunklen Lo-Fi-Pop mit Indie-, Alternative- und 70er Classic-Rock kombiniert. Womit schon alles gesagt wäre, aber es steckt noch mehr in den Liedern der aus Brooklyn kommenden Sängerin. Da wäre zunächst ihre ausdrucksstarke Stimme zu erwähnen. Es schwingen Spannungsfelder wie wir sie von Flo Morrissey kennen mit, desgleichen die dunkle Strahlkraft einer Aldous Harding. Einige ihrer Phrasierungen lassen an Sharon Van Etten, andere an Emma Ruth Rundle denken. Zudem hat ihre Stimme etwas Erhabenes, Märchenhaftes und Verzauberndes, das sich aber stets im Dunklen aufhält. Mit Drums, Bass, Gitarren und Keyboards wurde ihr Debütalbum "Shitty Hits" eingespielt, die klassische Besetzung will man meinen, es klingt aber vieles ziemlich verschleppt und das übliche Vers-Refrain-Schema bleibt bei von Schleicher aussen vor. Neben der Stimme sind es vor allem die Keyboards, die federführend die verschlungenen Melodiebögen zeichnen. Aufgenommen hat sie das Ganze zu Hause in Maryland auf einer Bandmaschine, so dass der Sound Ecken und Kanten hat, der dennoch mit Klarheit und Größe aus den Boxen kommt. "Shitty Hits" ist eines dieser Alben, das nach und nach wächst, sich in den Eingeweiden windet und mit seltsamen Wendungen durch die Gehirnbahnen zieht. Da darf man jetzt schon gespannt sein wie der Nachfolger wohl klingen wird.

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 Interview mit Michael Moravek für Roadtracks Ausgabe Nr. 51

 

 Chicago, Literatur und der Kosmos des Songs

 

 Der Sänger und Liederschreiber der Planeausters Michael Moravek hat sein erstes Solo-Album aufgenommen. Mit seiner Band wurde er lange nur in einschlägigen Zirkeln wahrgenommen. Sein Debüt namens „In Transit (Is What We Are)“ hat ihm nun endlich größere Aufmerksamkeit beschert. Dass er noch andere Projekte am Start hat, zeigt die Vielseitigkeit seiner Kreativität auf. Im Interview gewährt uns der sympathische Frontmann einige Blicke hinter die Kulissen seines Schaffens.

 

 

 Michael, gewähre den Roadtracks-Lesern einen Blick in die Vergangenheit: Wie verlief Deine musikalische Sozialisation? Gab es bereits als Kind ein Interesse für die Musik?

 

 Meine Eltern sangen zuhause geistliche Lieder, vorwiegend in slowakischer Sprache. Ich habe diese Musik noch immer im Ohr, sie saßen in der Küche der kleinen Mietwohnung, mein Vater zupfte die wenigen Griffe, die er kannte, auf einer kleinen Gitarre. Sie lehrten mich und meine Brüder Lieder, die wir zusammen sangen. Meine Eltern besaßen eine Kassette mit Musik eines kleinen Kammerorchesters. Darauf war das Lied Nearer My God To Thee, von dem sie mir erzählten, es sei auf der untergehenden Titanic gesungen worden. Ich hörte diese Musik unter dem dramatischen Eindruck rauf und runter. Dann entdeckte ich die Welt der populären Musik über das Radio. Als ich 12 oder 13 war hörte ich zum ersten Mal Dylan. Etwa zur selben Zeit erinnerte ich mich an die alte kleine Konzertgitarre meines Vaters, die auf dem Schlafzimmerschrank verstaubte und beschloss zu lernen wie man sie spielte und wie man Songs schrieb. Ich nahm Gitarrenunterricht bei einer alten Dame in unserer Straße, einer pensionierten Musiklehrerin, sie lebte alleine mit ihrem psychisch kranken Sohn in einem wildumwucherten Haus. Den Sohn habe ich nie gesehen, ich hörte ihn nur schreien. So war mein Unterricht begleitet von Schreien aus dem Nebenzimmer. Mit den ersten Grundlagen, die sie mir beibrachte, lernte ich Lieder zu spielen. Schon bald wurden aus den Unterrichtsstunden Privatkonzerte, während derer ich meiner alten Musiklehrerin vorsingen musste. Nach nicht einmal 2 Jahren verstarb sie und ich hatte nie mehr Unterricht.

 

 Seit wann bist Du mit den Planeausters aktiv und hast Du vorher in anderen Bands gespielt und gesungen?

 

 Mit 16 war ich Rhythmusgitarrist einer Bluesband, während dieser Zeit schrieb ich schon eigene Songs. Mit 21 begann ich unter dem Pseudonym Blindboy Solokonzerte zu machen. Vor den Planeausters war ich Songwriter, Gitarrist und Sänger von The Blindboy. Wir veröffentlichten insgesamt 3 Alben und spielten während unseres Bestehens viele Konzerte. Wir nahmen 1993 das erste Album in Dublin auf, U2 arbeiteten gerade an Zooropa und liehen uns Amps aus ihrem Studio The Factory, aber das ist eine andere Geschichte. Die EMI war interessiert, aber es entwickelte sich nichts daraus. Ich hatte damals schon klare Vorstellungen und wollte meine Musik nicht in eine Schublade gepresst sehen. Es lief alles bestens, wir spielten teils große Auftritte auf Festivals mit Bob Dylan, Jethro Tull oder mit Element of Crime, aber ich hatte das Gefühl, dass ich mich in einer Sackgasse befand, ich fühlte mich limitiert, mir schwebte ein anderer Sound vor und ich beschloss die Band aufzulösen. Nach dem Ende von The Blindboy gründete ich zur Jahrtausendwende die Planeausters gemeinsam mit dem Gitarristen, dem Bassisten und dem Schlagzeuger der Vorgängerband. Erst mit dem Verzicht auf einen Sologitarristen und also nun zu dritt fanden wir zu unserem Sound. Es war unheimlich befreiend auf einmal so viel Raum zu haben und nur mit einer E-Gitarre, Bass und Schlagzeug zu spielen.

 

 Dass Du Literatur liebst, kann anhand des Bandnamens abgelesen werden. Wie hat dich Paul Auster in Bezug auf Deine Songs beeinflusst und welche anderen Schriftsteller stehen bei Dir hoch im Kurs?

 

 Zu der Zeit hatte ich von Paul Auster die New York Trilogie, Mr. Vertigo und Mond über Manhattan gelesen. Als ich The Blindboy beendete und damit auch einen gewissen erarbeiteten Erfolg außer Acht ließ, las ich seine Autobiografie Von der Hand in den Mund. Nachdem ich diese gelesen hatte begriff ich, dass es richtig war, das Vergangene zu beenden und etwas Neues zu wagen. So schlich sich auch sein Name in den konstruierten Bandnamen. Damals wusste ich noch nichts davon, dass es dieses Flugzeug ‚Auster‘ tatsächlich gab. Ich mochte immer Paul Austers Querverweise, die sich durch die Handlungsstränge gezogen haben, auch die Rückblenden und Sprünge in andere Zeiten. Aber für mich ist es schwierig, aufzuschlüsseln, inwieweit seine Bücher Einfluss auf mein Songwriting hatten. Es sind vielleicht eher die Stimmungen, die Einfluss haben. Ich liebe Metaphern, Parabeln und Gleichnisse, von letzterem gibt es einen Haufen davon im Neuen Testament und in den chassidischen Erzählungen. Es gibt andere Schriftsteller, die mich inhaltlich beeinflusst haben oder mit angestoßen haben meine Geschichten in Songform zu bringen, so zum Beispiel der New Yorker Bernard Malamud, von dem heute leider nicht mehr viel zu lesen ist, der aber vor allem großartige Short Stories geschrieben hat. Sehr früh haben mich Colum McCann oder Michael Chabon begeistert. Es gibt Literatur, zu der ich immer wieder zurückkehre, wie in ein altes Haus, das ich schon früher besucht habe. Jaroslav Seifert, Rimbaud, Hans Fallada, Gogol und Dostojewskij. Ich habe gerade Ian McGuires Roman The North Water zu Ende gelesen und lese jetzt wieder Moby Dick, für mich einer der größten Romane aller Zeiten. Gleichzeitig lese ich die Tagebücher von Jochen Klepper. Literatur gibt mir den Anstoß dazu meine eigenen Gedanken zu beruhigen, zu ordnen und zu kanalisieren. Auch Filme können ein Einfluss sein. Shop On High Street habe ich geschrieben, nachdem ich den gleichnamigen Film von Jan Kadar gesehen hatte. Ich nutze diese Medien als Linse, damit sehe ich schärfer.

 

 In Deinen Songs können verschiedene Einflüsse herausgehört werden, kannst Du selber welche benennen? Oder anders gefragt: Hast oder hattest Du Vorbilder?

 

 Mit Dylan hat für mich alles angefangen. Seine Musik hat den Bogen geschlagen zwischen den gekappten Wurzeln meiner Herkunft und etwas Neuem. Ich kam aus einem Land, das nicht mehr existiert und wuchs in einem Land auf, in dem ich lange Zeit der Neue war. Auf einmal hörte ich Songs, die von mir zu handeln schienen. Als ich Dylan hörte, hörte ich etwas, das ich die Jahre zuvor als Kind im Radio nicht gehört hatte. Das hat sicher großen Einfluss gehabt. Ich machte mich auf die Musik von The Alarm, The Waterboys, The Call, Elvis Costello und anderen zu entdecken. Diese waren für mich vielleicht so etwas wie Vorbilder als ich 16, 17 Jahre alt war, aber ich löste mich davon um dann rückwärtsgewandt den Ursprung dieser Musik zu erkunden: Robert Johnson, Blind Willie McTell, Blind Lemon Jefferson, Nina Simone, Blind Willie Johnson usw. Die Welt des Blues, die gespickt war mit biblischen Zitaten, die aus finsteren Zeiten herüberwehten und Bezüge herstellten zu einer Welt, in der es keine Gerechtigkeit geben kann. Deswegen ist diese Musik inhaltlich so relevant und wird es für immer sein. Songs, die vom Menschsein handeln - darum geht es. Gerade höre ich viel Lucinda Williams und auf meinem Plattenteller dreht sich Beekeeper, das neue und wunderbare Album von Steve Wickham.

 

 Zu Bob Dylan hast Du offensichtlich einen besonderen Bezug, mit dem Theaterschauspieler Markus Hepp unternimmst Du wiederholt Konzertlesungen, bei denen Dylan-Songs- und -Texte performt werden. Wie kam es zu der Idee und der Zusammenarbeit mit Hepp?

 

 

Eine Ravensburger Buchhandlung hatte mich 2005 angesprochen, ob ich zur Veröffentlichung der deutschen Ausgabe von Dylans Lyrics, die bei Hoffman & Campe erschien, ein Konzert mit Dylan-Songs machen könnte. Ich dachte ja, warum nicht. Schließlich spiele ich sie gerne, vor allem die nicht so bekannten Songs von ihm. Der Abend war ein Erfolg, im Publikum saß auch Markus Hepp. Später trafen wir uns auf der Straße und mir kam die spontane Idee Songs und Text zu verbinden und ein Programm daraus zu machen. Wir haben über die Jahre drei verschiedene Programme gemacht, die wir dann unsere Dylan-Trilogie nannten und vor allem in Theatern spielten. Das letzte Programm trägt den Titel Not Dark Yet und wir spielen die düsteren, langen Songs der letzten Dekade seines Schaffens. Die Texte handeln von einem alternden Dylan und wie er die Welt betrachtet. Die Instrumentierung mit Schlagzeug, Tuba, Posaune, Gebläse-Orgel, Geige und E-Gitarre tragen zum dunklen Sound der textschweren Songs bei.

 

 Zudem bist Du hin und wieder mit dem Schauspieler Bernd Wengert unterwegs, wie kam es zu dieser Kollaboration?

 

 Bernd und ich kannten uns vom Sehen. Er ist als Schauspieler und Theaterregisseur vor allem in Konstanz, München und Ravensburg tätig. Aus der Tatsache heraus, dass wir beide sehr viel Musik hören und uns eines Abends nach einem seiner Theaterauftritte darüber austauschten, stellten wir fest, dass wir Bands kennen, die sonst niemand in unserer Umgebung kennt. Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit auf jemanden zu treffen der Mason Proffit kennt?! Mich hat seine Kunst beeindruckt. Er fragte mich, ob ich mir ein Programm gemeinsam mit ihm vorstellen konnte und ich sagte vorschnell ja, unter der Prämisse, dass wir ein Stück finden, zu dem ich originale Songs schreiben kann. Das hatte ich vorher noch nie gemacht, daher hatte ich mich auf etwas eingelassen, von dem ich noch nicht wusste, ob es funktionieren würde. Es hat aber funktioniert und wir haben aus einer sehr späten und düsteren Kurzgeschichte von Mark Twain ein Programm mit Text und Songs gemacht, die durch die Geschichte inspiriert sind. Ich habe einen kompletten Live-Soundtrack für diese Geschichte geschrieben. Zwei der Songs habe ich für mein Soloalbum aufgenommen. Wir haben den Twain in der Region erfolgreich rauf und runter gespielt und haben beschlossen nun an einem neuen zu arbeiten: Herman Melvilles Moby Dick.

 

Wie kam es zu den Verbindungen mit den Bands The Waterboys, The Great Crusades und zum Jazzmusiker Stephen Wright?

 

 

 Mike Scott hat uns (Planeausters) 2007 eingeladen die Waterboys auf ihrer Tour in Deutschland und der Schweiz zu begleiten, nachdem er unsere Version von Red Army Blues gehört hatte, die sich als Bonus Track auf unserer Single Going Back to New York befindet. Ich habe von ihm damals mehrere Emails bekommen und wir tauschten uns über unsere jeweilige Interpretation des Songs aus. Die Zeit war großartig und für mich besonders, da ich mit dieser Musik groß geworden bin und nun auf Mike Scott und Steve Wickham traf. Wir begegneten uns seitdem immer wieder. 2010 war ich für eines ihrer Konzerte in Dublin und interviewte Mike für eine deutsche und für eine französische Zeitschrift. The Waterboys spielten Mike Scotts Interpretationen von Yeats‘ Gedichten, und das auch noch an einem so historischen Ort wie dem von Yeats gegründeten Abbey Theatre. Wir trafen uns zwei Tage später gemeinsam mit seiner damaligen Frau in einem Cafe abseits der Grafton Street für das Interview. Der Kontakt besteht bis heute. Mit Steve hat sich daraus eine Freundschaft entwickelt. In ferner Zukunft möchten wir gemeinsam ein Album schreiben, das durch eines der Bücher inspiriert ist, die wir beide gelesen haben. Steve und ich schicken uns seit Jahren Bücher hin und her, die wir gut finden. Das ist eine ganz besondere Bereicherung für jemanden wie mich, der es liebt zu lesen. Steve kam im Januar als Überraschungsgast zu meinem Konzert nach Ravensburg, als ich In Transit erstmals live präsentierte.
Ein gemeinsamer Freund hat 2009 Brian Krumm, dem Sänger und Songwriter der Great Crusades unser damals letztes Album Nothing Cooked Up, Everything Cooked Up gegeben, wir kamen per Email in Kontakt und er hat uns auf eine gemeinsame Tour in die U.S.A. eingeladen. Zum ersten Mal getroffen haben wir uns dann in Chicago. Wir mochten uns alle auf Anhieb und daraus hat sich eine besondere Freundschaft entwickelt. Brian Leach von den Crusades arbeitet in einem Studio, das wiederum Blaise Barton (Bob Dylan, Pinetop Perkins) gehört. Da ergab eins das andere. Wir haben dort Konzerte gemacht, haben im Studio Songs aufgenommen, kamen wieder für Konzerte, und für Aufnahmen und so weiter. Stephen Wright lernte ich in Chicago im Studio kennen, nachdem ich Leach gefragt hatte, ob er jemand kennen würde, der Flügelhorn spielt. Stephen kam vorbei und wir mochten uns auf Anhieb. Er hat auf dem letzten Album der Planeausters gespielt wie auch auf meinem Soloalbum. Er ist ein absolut versierter und beeindruckender Jazztrompeter, der mit seinem Spiel in die Dimensionen eines Songs vordringt.

 

 

 Bei der letzten Planeausters-Platte "Humboldt Park" fiel mir auf, dass sie erwachsener bzw. reifer auf mich wirkte und sich vom Indie-Genre entfernte. Als ob nun ein neuer Abschnitt beginnen würde. Dein Solo-Album "In Transit (Is What We Are)" hat dies bestätigt. Kannst Du mit meiner Einschätzung etwas anfangen? Kannst Du in diesem Zusammenhang auch den Prozess des Songwritings bei Dir beschreiben? Hat er sich im Laufe der Jahre verändert, hat sich ein bestimmtes Schema herauskristallisiert?

 

 Letztlich geht meine Musik auf Songwriting als Handwerk zurück. Wenn du das tust, dann willst du nicht in erster Linie gefallen, sondern deinen Job so gut als möglich machen und deinen eigenen Ansprüchen genügen, nicht denen der anderen. Ich habe in den letzten Jahren gelernt mir beim Songwriting mehr Disziplin anzueignen. Früher habe ich gewartet bis mich eine Idee erreicht hat, habe dann etwas daraus gemacht, manchmal vorschnell, ohne mir ausführlich Zeit zu nehmen. Heute bleibe ich konzentrierter dran und wenn ich einen Song fertig habe, nehme ich davon wieder etwas weg, schäle den Kern heraus. Dadurch wird das, was ich schreibe, mittelbarer und konzentrierter. Die richtige Anordnung des Themas, die richtige Wortwahl und die Stimmung der Harmonien stehen für mich im Vordergrund. Kein Wort zu viel. Der Kosmos des Songs muss in sich stimmig sein. Eine tolle Idee ist nicht genug. Wenn ich etwas von der Literatur gelernt habe dann ist es, dass Schreiben eine Arbeit ist, bei der die Disziplin eine wesentliche Rolle spielt.

 

 Werden die Planeausters weiterhin bestehen oder konzentrierst Du Dich nun auf Deine Solo-Laufbahn?

 

 Die Planeausters gibt es natürlich weiter und wir denken über ein neues Album nach. Priorität hat für mich derzeit aber das Soloalbum, wie auch die damit verbundenen Konzerte. Es ist gut möglich, dass vor einem nächsten Planeausters-Album noch eines unter meinem Namen erscheint. Ich bin in einer sehr kreativen Phase.

 

 Wie war es für Dich Songs in Chicago aufzunehmen? Hat sich dies auf die Titel ausgewirkt?

 

 Für das Soloalbum bin ich zwei Mal alleine nach Chicago geflogen. Beide Male im Monat Februar in aufeinanderfolgenden Jahren. Es war teils klirrend kalt, dunkel und die speziell düstere Atmosphäre der Gegend um Humboldt Park, der für seine ausufernde Gewalt bekannt ist, haben dazu beigetragen, dass ich mich wie in einem Kokon befand und mich auf die Musik konzentrieren konnte – Tag und Nacht. Tagsüber lief ich unter der Elevated, der Wind, der vom Lake Michigan weht, fegte den Schnee durch die Straßenschluchten und ich trank Kaffee in kleinen Bars und hörte über Kopfhörer die Aufnahmen der letzten Nacht und schrieb Notizen zu den Songs, den Aufnahmen, änderte Texte. Nachts nahm ich auf. Es kamen immer Leute vorbei, allen voran die Great Crusades, die ja auf vielen Aufnahmen mitspielen, aber auch Musiker, die einfach reinschneiten. Ich lernte Marvin Smith kennen, er war in den 60er Jahren Sänger bei den Artistics und mit Marvin Gaye befreundet. Er muss jetzt an die achtzig Jahre alt sein. Kurz, ja, es hat sich auf das Album ausgewirkt. Ich bin gerne woanders um aufzunehmen, ob mit Band oder alleine. Es macht es mir leichter, meine Gedanken zu ordnen und mich ausschließlich auf die Musik zu konzentrieren. Lullaby On West Chicago Avenue habe ich dort geschrieben. Das ist ein komprimierter Prozess. Chicago, die Stadt des Blues, war für mich der passende Ort, um für die Aufnahmen dort zu sein.

 

 Michael, möchtest Du zum Abschluss den Roadtracks-Lesern einen Blick in die Zukunft gewähren? Gibt es bereits Projekte, die du geplant hast oder steckst Du bereits mitten in dem ein oder anderem?

 

 Derzeit schreibe ich Songs für Moby Dick. Das ist aber erst am Anfang. Wir möchten es im nächsten Frühjahr auf die Bühne bringen. Und ich mache im Herbst weitere Konzerte zu meinem Album. Ich spiele mit wunderbaren Leuten, den Jazzmusikern William Widmann (Schlagzeug) und Michael Huber (Posaune), wie auch dem Bassisten der Planeausters William B. Kollmar und dem Prager Bratschisten Andrej Polanský. Währenddessen schreibe ich weiter. Ich denke über Songs nach, die vom Leben, Schreiben und Sterben Jochen Kleppers inspiriert sind.

 

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 Mathias Schüller – Affentanz (Cactus Rock Records)

 

 "Wozu der ganze Affentanz?" Das fragt sich nicht nur der deutsch singende Liedermacher Mathias Schüller, sondern viele von uns. Der Nachfolger seines Doppel-Albums "Fremder" heißt dann auch "Affentanz" und mit dem Titelstück beginnt die B-Seite der LP. Es handelt von Glück und Leid, von der Macht, die zum Staubkorn zerfällt und wird in rhythmischen, geheimnisvollen Versatzstücken, denen eine fein verspielte Melodie gegenübersteht, erzählt.

 

 Die A-Seite startet mit "Zauber", ein mit zärtlicher Spannung inszeniertes Liebes- und Begehrenslied. Diesem folgt "Schwarzes Haar", ein dunkles, von melodischen Keyboards beleuchtetes Roadmovie-Liebesmärchen, das ins weite Meer hinausführt und "Leinen los" ruft. Der tätowierte Rücken der Liebsten wird zur Landkarte, die zu Schönheit, zum Gold, und zu schlechter Letzt zum Teufel führt. Ein leichtfüßiges, zwischen Pop und Folk schwingendes Stück mit Sternen funkelnden E-Gitarren-Licks. Mit rhythmischen Folk- und Rockakkorden spiegelt das "Tagebuch": Du und Ich, die Geheimnisse, die Seelenpein. Nach dem bereits erwähnten Titelsong klopft es an der Tür, "Es ist nicht Helmut es ist Schwermut" und ein paar Zeilen später: "Hab' keine Angst Tiger/Es sind doch nur traurige Lieder und keine Biester", so heißt es in "Tiger", das die doppelbödige Raffinesse in Schüllers Liedtetxten aufzeigt. Dazu die beinahe schunkelnde und in Galgenhumor wiegende Melodie. Am Ende siegt die "Liebe" als Licht – und Schattenspiel, das Verzweifung und Hoffnung, Herz und Schmerz gegenüberstellt.

 

 Bei diesem "Affentanz" verschwimmen die Grenzen zwischen Realität, Traum und Albtraum. Der Zuhörer kann schon mal die Orientierung verlieren, sich aber immer festhalten an der wunderbar melancholisch wie lebensbejahend ausgeloteten Stimmung dieser Platte. An Schüllers sanft-männlicher Stimme, an den schwebend-schleifenden Stromgitarrenklängen (HB Hövelmann, Mathias Schüller), an den geheimnisvollen Percussions von Achim Theussen, am pochenden Schlagzeug und an der zwischen Spannung und Feingfühl gespielten Akustikgitarre, beides vom Protagonisten zum Besten gegeben. Schüller bedient zudem den Bass und klangmalert mit Keyboards.

 

 Nach dem reichhaltigen "Fremder" (22 Songs) ist "Affentanz" mit sieben Songs das kleine Werk mit großer Wirkung. Zwischen Rock, Pop und Folk ist Mathias Schüller ein Langspieler gelungen, der ihn in die erste Liga der deutschen Liederschreiber beamen sollte.

 

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ROK – Die Zärtlichkeit des Schneemanns

 

 

 

Normalerweise schreibe ich über Musik, aber wenn ein dermaßen starker Gedichtband ins Haus flattert, dann muss das unterstützt werden. ROK ist der Name des Autors, natürlich ein Pseudonym, umso mehr treten die Gedichte in den Vordergrund. "Die Zärtlichkeit des Schneemanns" ist der Titel dieses schmalen Bändchens mit 47 Seiten, auf denen die Lyrik in Kleinbuchtsbaben große Wirkung entfaltet. Alleine das Aufzählen einiger Titel wie "riss im asphalt", "spinnweben aus zuckerwatte", "säufer am fluss", "keine bar in sicht", "betonwand", "ohne dich ist die nacht ein irrtum" und "wenn die bäume walzer tanzen" lässt schon erahnen wohin die Reise geht. In einen poetischen Realismus, der auf nächtlichen Asphalt, nach Prag ("sucht in blau") um "zu küssen den süßen schmerz", zum "eisvogel" und anderen alltäglichen Wundern und Wunden führt. Innen- und Aussenwelten verschwimmen, der Schrecken und Wahnsinn lugt aus harmlosen, gewöhnlichen Figuren. Der Umschlag von Samuel Sieber reflektiert die Gedichte und umgekehrt. Der Leser erfährt hier neue Perspektiven, bleibt an einzelnen Wörtern hängen und verliert sich im Weiß zwischen den Buchstaben, um mit den nächsten Zeilen Hoffnung und Zärtlichkeit, manchmal scheint Ironie im Spiel, zu entdecken. ROK versteht es kein Wort zu viel, keines zu wenig zu verlieren. Ein jedes ist von Bedeutung und Gewicht. "Die Zärtlichkeit des Schnemmans" hat viele Leser verdient!

 

 

 

Erhältlich in der Buchhandlung Jastram in Ulm oder über deren Homepage https://www.jastram-buecher.de/ zu bestellen.

 

 

 

 

 

Schöfisch & Rueß – Klappern Knurren Rauschen (Ramshackle Records)

 

 

Manchmal bedarf es einer zweiköpfigen 60er Geburtstagsfeier um ein zweiköpfiges deutsches Punk-Noise-Rock-Monster namens Schöfisch & Rueß zu entdecken. Die können ihrem Albumtitel „Klappern Knurren Rauschen“ nach sogar noch einiges mehr. Zwischen 70er Punk a la Mittagspause/Fehlfarben und aktuellem Noise-Rock der Marke Die Nerven sitzt das vor Energie nur so strotzende Duo, das der Besetzung und Attitüde nach auch an The White Stripes, The Kills und The Death Letters erinnert. Wobei Simon Schöfisch auch der wunderbaren Indie-Pop/Folk-Rock-Band Die Autos angehört und auf seinem zweiten Standbein mit Daniel Rueß die Punk-Noise-Sau rauslässt. Was die beiden auf ihrem Album an Energie, Dynamik und Drama dem Hörer verabreichen bzw. im positivsten Sinne zumuten, ist aller Ehren wert. „Schlägerei“ ist ein echter Punk-Hit, wenn es so was überhaupt gibt und „Autobahn“ ein krachender Garagen-Blues-Rock. „Mit 1000 Augen“ ist allerbestes Lo-Fi-Gefrickel und „Zwei sind einer zuviel“ bläst einem die Ohren frei. „Mann von Welt“ stampft und marschiert zackig wie seinerzeit Mittagspause, Simon Schöfisch singschreit mit der gleichen Wut und Leidenschaft eines Peter Hein. Und was macht Daniel Rueß? Der prügelt auf die Felle als gäb's kein Morgen. Aber die Zwei können auch die sanfteren Töne: „Deine Stärke“ ist eine Laut-Leise-Ballade, ein Ausklang, der nach mehr verlangt. Deshalb auch Ausschau halten nach der Band Pelz, aus denen das Duo hervorging.

 

 

 

 

 

Michael Moravek – In Transit (Is What We Are) (Popup / Cargo)

 

Wie Indie-Rock erwachsen wird, demonstrierten uns 2015 die Planeausters mit ihrem Album „Humboldt Park“. Der Singer/Songwriter der am Bodensee beheimateten Band Michael Moravek, veröffentlicht nun seine erste Solo-Platte. Bereits der Titel „In Transit (Is What We Are)“ und das Coverartwork sorgen für Aufmerksamkeit. Wir befinden uns alle auf der Durchreise, sind unterwegs und Moraveks Blick ist von Ernsthaftigkeit geprägt, umgeben von einer Dunkelheit, die auch von den elf Titeln ausgeht. Melancholisch, wehmütig und sehnsüchtig werden diese inszeniert, wobei immer ein Streifen Hoffnung an den grauen Horizont gemalt wird. Mitgewirkt an dieser außergewöhnlichen Platte haben unter anderem unsere Rock'n'Roll-Lieblinge The Great Crusades, der gefragte Jazz-Trompeter Stephen Wright und der Waterboys-Geiger Steve Wickham. Mit letzterem tauscht Moravek Bücher aus, die von Kummer, Traurigkeit, Träumen und Liebe geprägt sind. Substantive, die Wickham in den Liner Notes auch für Moraveks Solo-Album gebraucht. Völlig zurecht, denn nahezu alle Songs schleichen sich ganz sachte ins Bewusstsein oder Unterbewusstsein des Zuhörers. Wobei manche Songs sofort, andere später ihre Strahlkraft preisgeben. Der Schönheit und Eindringlichkeit von „Lullaby On West Chicago Avenue“, „Falling Apart“, dem zweiteiligen Titelsong, dem Dylan-Cover „Dirge“, „What Are You Waving At“, „Might Be Tomorrow“ und „Shop On High Street“ kann sich kaum einer entziehen, denn diese Lieder ziehen einen bereits beim ersten Mal in ihren Bann. Dagegen brauchen „Man Falling From The Sky“, „Jules, Jules“ und „Insect Song“ einige Durchläufe, um ihren Kern herauszuschälen. Zwar schwingen Michael Moraveks Vorbilder wie Bob Dylan und The Waterboys auf „In Transit (Is What We Are)“ mit, dennoch hat Moravek längst seine eigene Stimme gefunden, die hier mit atmosphärsich-schönen und melancholischen Songs das ganze Spektrum des Künstlers nach außen kehrt. Dabei lässt er die Grenze zwischen Short Story und Song verschwimmen und kreiert ein musikalisches Roadmovie durch karge graue Landschaften, dunkle Wälder und Chicagos Großstadtdschungel. In Chicago und in Pfaffenhofen wurde das Album aufgenommen und jene Gegenpole wie Großstadt und Land, Licht und Dunkel reflektieren und irrlichtern in diesen Titeln, geben ihnen ihren speziellen Reiz. Dass Michael Moravek mit einer unverkennbaren Stimme gesegnet ist, weiß jeder, der Platten der Planeausters besitzt. Auf dieser Solo-Platte tritt ihr einzigartiger und unverwechselbarer Tonfall noch deutlicher in den Vordergrund. Letztendlich ist es aber das Gesamtpaket, das Moraveks Debütalbum zu einem wahren Genuss macht. Freunde von Singer/Songwriter-Americana müssen hier unbedingt zugreifen!

 

Waiting For Louise – Waiting For Louise EP (E=MC²)

 

Meines Wissens die erste Vinyl-Veröffentlichung der sympathischen Band Waiting For Louise vom Niederrhein. Dabei handelt es sich um eine EP mit vier Stücken, die es auf immerhin 25:40 Minuten bringt. Wobei natürlich Qualität vor Quanität geht und erstere steht bei W4Louise naturgemäß ganz vorne. Zunächst mag der ein oder andere monieren, dass hier mit "Soldier Boy" nur ein neuer Song zu finden ist. In der Sache zwar richtig, aber die anderen drei Titel wurden neu eingespielt und wer genau hinhört wird heraushören worum es Waiting For Louise geht. Die Vier spielen hier all ihre Reife, Erfahrung, eine gehörige Portion Gelassenheit und Ausgeruhtheit aus, die sie sich in langen Jahren des Interagierens angeeignet haben. Nicht was sie hier von sich geben, sondern wie sie es tun, steht auf der EP im Mittelpunkt. Detlef "Locke" Goch ist für die Rhythmusinstrumente (Cajon, Shaker, Glockenspiel, Tomtoms, Schellenring, Becken) zuständig und spielt keinen Ton zu viel, wobei jeder punktgenau und wirkungsvoll die Titel förmlich mitbestimmt, Die Bassläufe von Johannes Lehmann malen nicht nur einen dunklen Grund, sondern bringen den Songs die angemessene Schwingung bei. Ute Rettler hat ihre Gitarren im wahrsten Sinne des Wortes im Griff, gelassene Soli und gefühlvolle Melodielinien zeichnen ihr Spiel aus. Michael Mann bedient Suzuki, Gitarre, Harmonium, Banjo und Mundharmonika, die für die kleinen besonderen Momente der Songs sorgen. Seine unverwechselbare Stimme raunzt und maunzt wie eh und je, gewinnt jedoch auf dieser EP durch die bedächtig-konzentrierte Artikulation an Ausdruckskraft hinzu. Mann klingt wie eine verzögerte Kreuzung aus Robert Forster und Lou Reed, die letztlich ganz Michael Mann ist. Mann ist das gut geworden, möchte man der Band zurufen. Vier Songs, die wie aus Raum und Zeit gefallen scheinen. Musik, die dich zum Träumen, Nachdenken, Vergessen und Erinnern bringt. Hach! Jetzt sind wir auf den Geschmack gekommen und warten auf eine ganze LP mit Waiting For Louise covern Waiting For Louise.

 

Die EP kann auf der Homepage der Band bestellt werden!

Roadtracks #49

 

Andrea Schroeder – Void (Glitterhouse / Indigo)

 

 

Zum ersten Mal ziert ein Farbfoto das Cover eines Andrea Schroeder Albums. Was nun aber keineswegs die musikalische Ausrichtung verändert hat. Wie fast immer steckt der Teufel im Detail und den Beelzebub zitiert die deutsche Ausnahmekünstlerin gleich beim Album eröffnenden Titelsong herbei: „Pray to God/Pray to the Devil/What ever you share/it all goes down/in the void“. „Void“ (zu Deutsch: Leere, Nichts)  heißt sowohl das Stück wie auch die ganze Platte, die eben jene Leere und das Nichts ausleuchtet. Ein Licht- und Schattenkabinett, ein Spiel mit Kontrasten, mit Farben und nicht zuletzt mit den Klangfarben, die Schroeders Stimme auszeichnen. Eine Stimme, die hinab in die dunkelsten Gefilde des Unterbewusstseins führen kann, ebenso hinaus in gleißendes Licht und milde wie die ersten Sonnenstrahlen eines Frühlingstages klingen kann.  Geborgenheit und Angst kann dir diese Stimme vermitteln, sie liebkost dich, geht dir unter die Haut, lässt dich frösteln, sie ist schneidend scharf wie eine Rasierklinge. Sie tröstet dich wie roter Wein, tropft dir Blut warm auf deine Seele. „Deep inside there is sadness/There is wilderness and pain“, heißt es in „My Skin Is Like Fire“ und weiter: „When you’re lying by my side/I feel safe and warm/safe and warm“. Nicht nur warm ums Herz wird es einem beim Lauschen des dritten Albums dieser begnadeten Singer/Songwriterin. Melancholisch und dunkel ziehen die elf Songs ihre Kreise, hellen dann wieder auf, bergen Fragen, Überraschung und Zweifel wie der seitliche Blick der Schroeder auf dem Cover. Sie interpretiert wie schon auf „Blackbird“ und „Where The Wild Oceans End“ wieder ein Gedicht des Beat-Poeten Charles Plymell und fragt „Was Poe Afraid“, worauf es keine Antwort gibt, es ist der Inhalt der Fragen der zählt.

 

Nach dem grollenden Titelsong wird ein „Black Sky“ entworfen, Catherine Graindorges Violine zittert  verzweifelt, Mike Strauss‘ Piano funkelt am schwarzen Himmel wie Lichtjahre entfernte Sterne. „Burden“ ist ein verzerrtes E-Gitarren-Biest, ein Drama, ein Kreuzzug, Patti Smith krallt sich an Nick Cave. Ihre  Krallen ritzen „My Skin Is Like Fire“ in Velvet Underground & Nico Manier in die Haut. „Kingdom“ klingt mächtig, erhaben, aber auch dunkel, leer, zornig und anklagend. Und das „Little Girl“ hört die Bomben, sieht die Geister von Berlin und alles ist nur ein Traum. Die „Creatures“ suhlen in den 80ern und graben Crime & The City Solution, Hugo Race & The True Spirit und Rowland S. Howard aus. „Was Poe Afraid“ ist ein Gedicht im doppelten Wortsinn. „Turn the light on honey/I wanna see the moths“ sind Zeilen aus „Drive Me Home“ und es sind irgendwie auch Marlene Dietrichs Motten („Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“), die solange das Licht umschwärmen bis sie ihr letztes Zuhause finden: Ashes to ashes dust to dust. „Don’t Wake Me“ ist ein Wiegenlied für Verzweifelte, Nachtgespenster und all die einsamen, ruhelosen Seelen, die vielleicht nur träumen, dass sie schlafen. Kristof Hahn schwelgt dazu auf der Lap Steel und Mike Strauss (Piano, Orgel) bringt die Engel zum Weinen. „Endless Sea“ spannt den Melodiebogen zum Vorgänger „Where The Wild Oceans End“: „In the whispering of the endless sea/That’s where we are“ wird zum Mantra, zum Blick übers Meer: Ins Nichts, in die Leere, ins Licht, in die Ewigkeit.

 

Andrea Schroeder ist Patti Smith. Andrea Schroeder ist Nico. Andrea Schroeder ist Juliette Greco. Andrea Schroeder ist Marlene Dietrich. Und zuletzt ist Andrea Schroeder ganz einfach Andrea Schroeder. Die vielen Referenzen, die ihr zuteilwerden, zeigen nichts anderes als ihren Reichtum an Facetten auf. Was sie mit „Void“ beeindruckend und nachhaltig unter Beweis stellt. Ein zum Sterben schönes Album!!!

 

Roadtracks #49

 

Nick Waterhouse – Never Twice (Innovative Leisure / Groove Attack)

 

Bei Liebhabern der R’n’B-Szene hatte Nick Waterhouse bereits nach einigen Singles und seiner LP „Time’s All Gone“ (2012) Kultstatus erreicht. Der würdige Nachfolger „Holly“ (2014) war mehr als Bestätigung. Mit „Never Twice“ beweist der Südkalifornier sein Können erneut. Der Komponist, Sänger und Gitarrist bringt wieder seine messerscharfen E-Gitarren-Riffs/Licks und seinen bellend-bäffenden Gesangsstil ein. Seine Kompositionen richten sich abermals am Stil der 50/60er R’n’B-Szene aus, wobei er dieses Mal dem Jazz und Boogaloo mehr Raum zugestand. Dementsprechend sind die Grooves teilweise freier und luftiger, ohne dass Waterhouse sein Konzept aufgibt. Eine vorsichtige, aber auch weitsichtige Weiterentwicklung. Das heißt: Waterhouse ist nach wie vor eine coole Socke und in Höchstform. „Never Twice“ bekommt auf einer 10er Skala mindestens 9 Punkte!!

Roadtracks #49

 

Orkesta Mendoza – ¡Vamos A Guarachar! (Glitterbeat / Indigo)

 

Sergio Mendoza wurde in der Stadt Nogales, in der die Grenze zwischen Mexiko und der USA verläuft, geboren. Folglich ein echter Grenzgänger, der musikalisch gesehen, nahezu alle Grenzen hinter sich lässt. Er war bereits mit Bands wie Calexico und Devotchka unterwegs und hat sich schließlich entschlossen das Orkestra Mendoza ins Leben zu rufen. 2012 veröffentlichte das Ensemble „Mambo Mexicano“, das bereits im Titel das Genre andeutet. Mit dem vorliegenden „¡Vamos A Guarachar!“ gehen sie ein Stück weit offensiver vor, und zwar eine echte Spaß-Offensive, die aber keinesfalls als platte Blödelei daherkommt. Hier sind Profis am Werk, die ihre Spielfreude mir nichts dir nichts auf den Zuhörer übertragen. Dazu darf ausgelassen getanzt und der ein oder andere Tequila hinter die Binde gekippt werden. Der musikalische Cocktail enthält folgende Zutaten: Mambo, Cumba, Mariachi, Reggae, Rock’n’Roll, Jazz und Pop. Dabei spielen sie ihre Songs mit einer furztrockenen Punk Attitüde herunter und eignen sich als Party Zündstoff und Tanzflächenfüller.  In Zeiten, in denen wieder Mauern, Stacheldrähte und Grenzen entstehen, reißt das Orkestra Mendoza selbige einfach ein und hat Spaß dabei.

 

Roadtracks #49

 

The Hidden Cameras – Home On Native Land (Outside Music / Yep Roc / H’art)

 

Die kanadische Formation The Hidden Cameras galt bislang als Art-Pop-Band. Auf dem aktuellen Album „Home On Native Land“ widmet sie sich dem Country—und Folk-Pop, den sie hin und wieder mit Gospel-Soul garniert. Die Songs schweben förmlich in ihrer Luftig- und Leichtigkeit und zaubern einem ein Lächeln ins Gesicht. Mit zarten Streichern, einer Tränen ziehenden Pedal Steel, Harmonie-Chören, federnden Rhythmen und der weichen Singstimme von Mastermind Joel Gibb überzeugt die neue Herangehensweise auf der ganzen Linie. Nahtlos fügen sich dabei die Coverversionen „Dark End Of The Street“ (Dan Penn/Chips Moman) und „Don’t Make Promises“ (Tim Hardin) ins Konzept. „Home On Native Land“ hat zudem einen Melodienreichtum, den man den Hidden Cameras kaum zugetraut hätte. Wobei die Melodien dezent und unaufdringlich die Seele streicheln. Weit entfernt vom Art-Pop ist dieser Langspieler dennoch kunstvoll in Szene gesetzt. Wer des  Genres wegen bislang einen Bogen um The Hidden Cameras gemacht hat, der sollte jetzt mal über den Tellerrand hinaus blicken, denn sonst entgeht ihm ein ziemlich schönes Country-Pop-Album!

Kritik in Roadtracks #47:

 

Matthew Logan Vasquez – Solicitor Returns (DevilDuck / Indigo)

 

Delta Spirit sind eine dieser unterschätzten Bands,  die im allgemeinen Veröffentlichungswahn immer wieder übersehen werden. Ob Mastermind Matthew Logan Vasquez  mit seinem Debüt-Soloalbum die verdiente Wertschätzung erfahren wird? Es ist ihm zu wünschen, denn „Solicitor Returns“ ist eine ebenso feinsinnige wie im Besten Sinne grobschlächtige Platte geworden. Der Teufel steckt beim US-Singer/Songwriter im Detail. Eines davon sind die elektronischen Störgeräusche des Intros/Titelsongs „Solicitor Returns“, das alsbald von „Maria“ abgelöst wird und die Wurzeln im US-Rock hat. Dennoch ist das Stück einige Meilen vom sogenannten Roots-Rock entfernt. Da stecken nämlich die Power des Grunge und die an Neil Young mahnenden sägend-schrillen Stromgitarren Exzesse drin. Und „Personal“ kehrt Rock’n’Roll und Punk hervor, aber die lässig-schmissige Variante. „I Bet It All“ sehnt und fleht mit Akustikgitarre, Harmonie süchtigen Chorstimmen und der wehmütigen, leicht angerauten  Stimme des Protagonisten. Gegen Ende des Titels wird der Bogen von Youngs „Harvest“ zu „Tonight’s The Night“ gespannt und steht doch auf Matthew Logan Vasquez‘ eigenen Füßen. „Everything I Do Is Out“ ist ein klares Statement und Bekenntnis zum Rock’n’Roll, der niemals sterben wird. Wenn er dermaßen leidenschaftlich und frisch präsentiert wird wie hier, müssen wir sein Ableben nicht fürchten. „Black East River“ ist Americana der allerschönsten Art und „Stand Up“ setzt auf das feinsinnig verflochtene Akustik- und E-Gitarrenspiel. Es ist eine klare Ansage, eine Aufforderung niemals aufzugeben, sich zu wehren. „Bound To Her“ verweist zunächst auf die Störgeräusche im Intro, die dann mit Vasquez‘ ergreifender Stimme einhergehen und in der Summe einen leuchtend schönen Song hervorbringen. „New York“ ist ein Stromgitarrenbad mit zum Weinen schöner Melodie, ihr wisst schon: In einer gerechteren, besseren Welt....

Zum Abschluss fliegt „Muerto Tranquila“ mit Piano und Chorstimmen einem himmlischen  Horizont entgegen. Matthew Logan Vasquez ist ein sehr gutes Album gelungen, das mit Details, exzellentem Songwriting, Griffigkeit und echten Emotionen überzeugt. Chapeau!

P.S. Das Album kommt via DevilDuck Records als Doppelvinyl, welches die 35-minütige „Austin EP“ beinhaltet, die mehr als eine Ergänzung zu „Solicitor Returns“ ist!

Kritik in Roadtracks #47:

 

Francis – Marathon (Strangers Candy/Popup)

 

Bereits 2006 hat sich die schwedische Band Francis formiert. Bis zum ersten Album dauerte es allerdings bis zum Jahr 2011 und dieses erschien dann auch unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit, nämlich nur in Schweden.  Weitere fünf Jahre mussten vergehen bis das nun vorliegende Zweitwerk (das offizielle Debüt?) veröffentlicht wurde. Das Quintett taufte die aktuelle Scheibe „Marathon“ und womöglich war es eine lange Wegstrecke für die zwei Damen und drei Herren bis zur Fertigstellung. Bemüht klingt es dennoch nicht, im Gegenteil, die fünf Skandinavier bringen die Töne und Klänge förmlich zum Schweben und mit Petra  Mases‘ Stimme setzen sie dem Ganzen das Sahnehäubchen auf. Dabei schallen und hallen die Stromgitarren in allerschönster Dream-Pop-Manier. Sie zaubern Regen- und Melodiebögen in schillernden Farben, die einen gemeinsam mit Mases‘ Stimme in die Knie zwingen. Bass und Drums finden immer die passende rhythmische Unterfütterung, erden die erhabenen und glasklaren Klangwände. Eine Neuerfindung des Dream-Pop ist es nicht, aber eine wunderschöne Erweiterung des Genres. Ohne die Leistung der wirklich sehr gut agierenden Musiker schmälern zu wollen, die Sängerin macht mindestens 70% der Band aus. Wie sie es versteht mit ihrer Stimme zu schmeicheln, zu liebkosen und so unnachahmlich zu kieksen, damit bringt sie selbst Steine zum Erweichen. Francis sind eine echte Entdeckung!!

Kritik in Roadtracks #47:

 

Steven James Adams – Old Magick (Fortuna POP!/Cargo)

 

Steven James Adams ist kein Geringerer als der Singer/Songwriter und Gitarrist der Broken Family Band. Er trat bereits 2013 mit seinem Solo-Debütalbum namens „House Music“ in Erscheinung. Adams ist wohlgemerkt Brite, hat aber mit der Broken Family Band Americana mit Pop und mal mehr, mal weniger mit Byrds-Psychedelik angereichert. Auf „Old Magick“ geht er meistens mit zarter, sanfter Seite an seine Songs heran. Wie Aquarell Tupfer werden Piano- und Akustikgitarren-Figuren gesetzt. Eine frühlingshafte Leichtigkeit durchdringt seine Lieder, Adams‘ Stimme schwebt förmlich mit den weichgezeichneten Klangmalereien. Zudem hinterlässt das Album einen sehr stimmigen, in sich geschlossenen Eindruck. Das mag beim Nebenbei hören ein wenig dahinplätschernd wirken, offenbart jedoch mit wachem Geist und offenen Ohren eine zauberhafte Poesie. Eine Platte für stille Genießer. Augen zu, „Old Magick“ hören und träumen!!

Kritik in Roadtracks #47:

 

Wakey Wakey – Overreactivist (The End Records / ADA-Warner-Music)

 

Hinter Wakey Wakey steht vor allem Singer/Songwriter und Pianist Michael Grubbs aus Richmond, Virginia. Seine Mutter war Musiklehrerin und so ist es nicht verwunderlich, dass er bereits mit fünf Jahren an den schwarz-weißen Tasten zu üben begann. Er studierte Musiktheater und bekam auch viele Rollen, aber sein Ziel war es als eigenständiger Sänger und Liederschreiber bekannt zu werden. An die zehn Jahre jobbte er in New York und versuchte über Open Mic Nights entdeckt zu werden. Dabei traf er eines Abends auf eine Frau, die für die Serie „One Hill Tree“ arbeitete. Das Resultat: Grubbs‘ Titel „War Sweater“ wurde in der Serie gespielt. Ein echter Türöffner, Grubbs war daraufhin vier Tage lang der Top-5-Suchbegriff auf Google und eine Tour mit James Blunt folgte. Unter dem Namen Wakey Wakey erscheint nun der dritte Longplayer namens „Overreactivist“, das den Amerikaner wieder zurück zu seinen Wurzeln bringt, die er mit seinem zweiten Album etwas aus den Augen verloren hatte. Was übersetzt heißt, dass er die Produktion zurückfuhr und wieder vermehrt auf Pianoballaden setzte. Dabei geht er die Klaviatur der Steigerungen von leise bis überbordend durch und dies meistens innerhalb eines Songs. Das Piano und die emotional aufgeladene Stimme von Grubbs stehen wiederholt im Mittelpunkt, werden mit Streichern, Rhythmik und weit gespannten Melodiebögen umrandet und streben empor. Wobei Grubbs‘ Stimme jene Steigerungen mit all seiner Emotionalität ausformuliert. In den ruhigeren Phasen der Stücke kommt einem Damien Rice in den Sinn, in den lauteren die frühen Waterboys. Auch die schwungvollen Melodien, wie wir sie von Panoramic & True kennen, werden hier in Wakey Wakey Manier aufbereitet. Man fiebert und leidet förmlich mit bei diesen Songs oder geht mit jenem erhabenen Gefühl einher, das „Overreactivist“ ausstrahlt. Tolle Platte!

Kritik in Roadtracks #47:

 

Korey Dane – Youngblood (Innovative Leisure / Rough Trade)

 

Americana im Stil von Ryan Adams und Jason Isbell hat der Amerikaner Korey Dane im Programm. Mit gehauchter Stimme singt er sich durch sein Album namens „Youngblood“, das alle Tempovariationen  abdeckt. Dabei überzeugt der Kalifornier vor allem mit seinen Balladen. Seine versierten Begleitmusiker setzen entsprechende Akzente. Da wäre die George-Harrison-Gedächtnis-Gitarre auf „Little Dream“ zu erwähnen sowie eine hin und wieder auftauchende tränenziehende Pedal Steel. Ab und an werden  im Hintergrund silbrige Pianotakte gespielt oder eine atmosphärische E-Gitarre zieht ihre Bahnen. Das ist alles sehr gut in Szene gesetzt, Handwerk und Songwriting sind entsprechend. Das Problem dabei: Ryan Adams und Jason Isbell machen das besser und Korey Dane hebt sich zu wenig von ihnen ab. Auch an deren Intensität und Magie reicht der Singer/Songwriter noch nicht ganz heran. Nichtsdestotrotz sollte man den jungen Mann deswegen nicht abschreiben, denn genau so wie die Mängel sind auch seine Talente offensichtlich. Folglich dürfen wir Korey Dane weiter beobachten, denn „Youngblood“ ist gewiss kein schlechtes Album, ihm geht lediglich (noch) die Eigenständigkeit ab.

Kritik in Roadtracks #47:

 

Michael Lane – The Middle (Greywood / Timezone)

 

Michael Lane ist der Sohn einer Deutschen und eines US-amerikanischen GI und wurde 1986 in Nürnberg geboren. 1993 zog die Familie nach Wisconsin in die USA. Als US-Soldat wurde er in den Krieg nach Irak und später Afghanistan geschickt. Für Michael Lane waren dies wichtige Erfahrungen, die ihm die Sinnlosigkeit des Krieges vor Augen führten. 2012 zog der Singer/Songwriter wieder nach Deutschland und gründete eine Familie. 2014 erschien sein Debütalbum „Sweet Notes“, dem nun „The Middle“ folgt. Lane gehört zu den sanften Singer/Songwritern und wird hauptsächlich von akustischen Instrumenten begleitet. Hin und wieder werden auch Bass und Drums eingesetzt, was „The Middle“ gut tut und für Abwechslung sorgt. Im weiten Feld zwischen James Blunt und Damien Rice agiert Lane mit seiner sanft wiegenden Stimme und findet dazu die passenden Klänge. Dabei gelingt es ihm die seichten Gewässer vom erwähnten Blunt zu umschiffen, schafft es jedoch  nicht in die außerordentlichen von Rice zu schwimmen. Aber wem gelingt das schon? Deshalb bleibt festzuhalten, dass der Deutsch-Amerikaner Songs schreiben kann, die für die ruhigen, nachdenklichen und poetischen Stunden des Lebens gedacht sind.

Kritik in Roadtracks #47:

 

Purple Souls – Williamsburg (Williamsburg RAR / Motor /Edel)

 

In Salzburg werden nicht nur Nockerln serviert, es gibt dort auch eine lebendige Popmusik-Szene. Diese wird nun von den Purple Souls bereichert, die erstmal Österreich den Rücken kehrten und es nicht unter New York machten. Im dortigen Künstlerviertel Williamsburg, auch der Titel ihres Debütalbums, wurde an den 12 Songs gefeilt. Und dann kam Sandy, nicht etwa eine Liebschaft oder ein neues Bandmitglied, sondern der Hurricane gleichen Namens. Einige Tage verbrachten die purpurnen Seelen ohne Strom und konnten die Gedanken neu ordnen. Letztendlich wurde die Platte fertiggestellt und der Hurricane hat durchaus Einzug in den musikalischen Kosmos der Salzburger gehalten. Aufbrausende und in die Höhe schießende Klänge türmen sich auf „Williamsburg“, um dann wieder runterzufahren, die zurückhaltenden Emotionen auszukosten. Dementsprechend lösen die Titel dunkle, melancholische, aber auch lebensbejahende Gefühle aus, der Zuhörer wird zwischen Ebbe und Flut hin- und hergerissen. Oder er verliert sich im musikalischen Wirbel des tosenden Hurricanes. Bei „Williamsburg“ handelt es sich vor allem um opulenten Indie-Pop mit alarmierenden Stromgitarren, treibend-atmosphärischen Synthies und donnernden Rhythmen. Das lässt sich dann irgendwo zwischen Blaudzun und U2 ansiedeln. Die Produktion ist sauber und klar, der  Loudness War wird etwas übertrieben und hätte etwas differenzierter ausfallen können. Aber für ein Debüt haben die Purple Souls ganz ordentlich abgeliefert.

Die Autos – Was wichtig war als Trost (Ramshackle Records)

 

Die Autos überreichten uns zum zehnjährigen Jubiläum die halbstündige EP „Rein in die Mystik“. Jetzt fahren sie einfach weiter, wobei sie selbst von ihrem bislang schwersten Veröffentlichungsbrocken berichten. Die Jugend ist vorbei, aber sie sind noch weit davon entfernt als Oldtimer bezeichnet zu werden.

 

„Was wichtig war als Trost“ ist der Titel ihrer sechsten Veröffentlichung, ein nachdenklicher Titel, der auch die melancholische Stimmung der elf Songs widergibt. Auf der anderen Seite sprühen die Tracks auch wieder den von ihnen bekannten Optimismus und Lebensfreude aus. Es sind genau diese Gegenpole, die wieder die spezielle Dynamik und Spannung der schwäbischen Band hervorbringen.  Da wäre gleich der Opener „Liebe und Hass“ zu nennen, eine an Bruce Springsteen geschulte Hymne mit wehmütiger Mundharmonika und trotzig nach vorne stürmender Melodie und Rhythmik.  Zudem lässt der Titel ein psychedelisches Leuchten aufflammen. „Flaches Wasser“  und „Ich fange an aufzuhören“ flimmern zwischen Go-Betweens und den Byrds, hach wie schön es  sich darin schwelgen lässt.

 

Die Autos wollen „Alles“ und „Mein Schatten“ stellt sich dem Tod, der dunklen Seite und hat dennoch Hoffnungsfunken, die Zeile „Zeit, Zeit neu zu starten“ zeichnet den Neubeginn vor. Dass „Dieser Zauber“ nicht ewig dauert zeigt der Refrain: „Es gibt da diesen Zauber, den die Jugend verleiht / Doch dieser Zauber ist längst vorbei“. Danach werden wieder „Lichter“ entzündet, wurde schon erwähnt wie herrlich Die Autos ihre Chorstimmen einsetzen. „Von Halt zu Halt“ erinnert an die schunkel-schönen Element Of Crime Songs, Sven Regener ist ein Seelenverwandter. Auf „Geisterhand“ rollt eine Orgel den schillernden Teppich aus, auf dem die E-Gitarren schrammeln und twangen. „Um zu bekommen was wir wollen“ müssen wir Die Autos hören, wieder und wieder, mit ihnen dem Alltag trotzen und träumen. Und an Silvester den finalen Albumtitel „Neujahr“ hören, der die Stimmung zwischen Nachdenklichkeit, Feuerwerk, Trunkenheit und Neubeginn einfängt.

 

Die Autos fahren mit ihrem aktuellen Langspieler dem blau-grauen Horizont des Coverartworks entgegen. Sie knüpfen damit an ihre bislang düsterste Platte „Hartes Langzeitglück“ (2010) an, aus toten Winkeln bringen sie uns nun an einen dunkel-psychedelischen Ort, an dem die Sterne am finsteren Firmament blitzen und  leuchten. Auch der harte Asphalt hat seine Spuren hinterlassen und der Hörer weint wieder mal vor Glück! Die Songschmiede aus dem Ländle sind wie gute Freunde, die einem längst ans Herz gewachsen sind und nicht mehr missen will. Eine neue Autos Platte ist Trost genug für frohgelaunte Landeier und Großstadtmelancholiker. Ihr Spiel mit Schatten und Licht, Liebe und Hass, Zauber und Wasser, Geisterhand und Neujahr ist ganz großes Indie-Pop-Theater!

Empfehlenswertes Projekt (Blog, Buch etc.) von Simon Steiner: Wie der Punk nach Stuttgart kam.

Ein Besuch auf der Website lohnt sich: hier

Rusty Nails – Big City Tracks (E=MC²)

 

Als Krautrockband begannen die Rusty Nails, bei denen der fleißige Sänger und Liederschreiber Michael Mann (Waiting For Louise, Songs To The Siren) den federführenden Frontmann abgibt. Nach 20 Jahren Pause sind nun die rostigen Nägel zurück, die – nun ja – den alten Rost des Krautrock abkratzen. Darunter glänzen die Spuren der Großstadt in rot-gold-gelben Farben, das aufgeklappte Digipack ist ein echter Eyecatcher. Ebenso das Booklet, das viele Fotos und alle Texte der Eigenkompositionen enthält. Ute Rettler, die auch bei Waiting For Louise in die Saiten greift, hat ihr Gitarrenspiel für die Rusty Nails irgendwo zwischen den Eagles und J.J. Cale verortet. Da reichen sich Spannung und Entspannung die Hand. Jörn Bücher spielt Keyboards, auf dem Instrumental „Line Nine-O-Nine“ orgelt er zwischen Jon Lord und Al Kooper, während er auf einigen anderen Titeln sein feinsinniges E-Piano in Richtung Steely Dan rückt. Ebenso lobenswert wie er Mellotron und Synthesizer  unaufdringlich, aber wirkungsvoll zum Einsatz bringt. Der Mann an den Tasten spielt eine  wichtige und gewichtige Rolle bei den Rusty Nails. Schlagzeuger Detlef Goch  und Bassist Ulrich Adler bereiten ein lässig federndes Fundament und Michael Mann maunzt und raunzt seine gewitzten Texte ins Mikrophon. Er zählt für mich zu den besten deutschen in Englisch singenden Sängern. Die Fremdkompositionen „A Long December“ (Counting Crows) und „Late Blues“ (Ida) interpretiert das Quartett mit viel Feingespür und Empathie. Das Album „Big City Tracks” lässt sich viel Zeit, die acht Titel haben nahezu alle Überlänge und dennoch gerät es zu einer kurzweiligen Angelegenheit. Dass sie dabei ein eigenes und eigensinniges Werk vollbrachten, das kaum Vergleiche zulässt, ist ihnen hoch anzurechnen. Als grobe Orientierung würde ich den  Country-Rock der Eagles, die Westcoast-Eleganz von Steely Dan sowie Yacht- und Soft-Rock-Elemente der 70er anführen. Wobei die Reste am übrig gebliebenen Rost dem Klangbild gut tun. Zudem ist die Laid-Back-Atmosphäre geradezu greifbar, gar nicht so selbstverständlich in unseren schnelllebigen modernen Zeiten. Außerdem legt die Platte ihre anfängliche  Unscheinbarkeit nach und nach ab. Letztlich interagieren das Hören, das Lesen der Texte und Betrachten des Artworks auf ganz wundersame Weise. Also: Augen und Ohren auf und Fahrbahn frei für die „Big City Tracks“!!

Günter Ramsauers Musik-Rezensionen für MusikBlog, CDStarts und Roadtracks

Planeausters – Humboldt Park (Popup / Cargo)

 

Mit neuem Label und Vertrieb im Rücken startet das international besetzte Trio nochmals neu durch. Überzeugten die Drei bisher mit spannungsgeladenen und vielschichtigen Indie-Rock-Songs, sind auf ihrem aktuellen Album „Humboldt Park“ die ausgereifte Kompositionstechnik und eine Hinwendung zu Americana auszumachen. Unter Mithilfe der befreundeten Band The Great Crusades entführen uns die Planeausters in den „Humboldt Park“, einem berüchtigten Stadtteil Chicagos, in dem die elf Titel im Joyride Studio aufgenommen wurden. Brian Leach und Brian Krumm (beide von The Great Crusades aus Chicago) waren bei den Aufnahmen zugegen und steuerten ihren Teil zum Gelingen bei,  wobei die unverkennbare Handschrift von Singer/Songwriter und Gitarrist Michael Moravek dem Ganzen seinen ureigenen Stempel aufdrückt. Moraveks Vorbilder Bob Dylan und Mike Scott (The Waterboys) schimmern zwar wiederholt durch, dennoch zeichnen sich die Planeausters durch Eigenständigkeit und einen hohen Widererkennungswert aus. Selbst der amerikanische Schriftsteller Paul Auster, der auch Teil des Bandnamens ist, hinterlässt immer wieder seine Spuren. Dementsprechend geheimnisvoll und spannend verläuft der blutgetränkte rote Faden durch das Album. Gleich zu Beginn verströmt „Wouldn’t Say It’s Over, But It’s Gone“ so viel Herzblut, dass der Zuhörer nicht anders kann als mit zu schwelgen in all der Sehnsucht, Melancholie und Leidenschaft, die in diesem einzigartigen Song stecken. Auf „The Golden Days Of Missing You Are Over“ und „Never Shall You Die“ dürfen Trompete und Flügelhorn (Stephen Wright) das ohnehin schon satte und dennoch luftige Klangbild verstärken. Selbst Krautrock-Einflüsse sind auszumachen, das Instrumental „All I Want Is Freedom“ zeigt Per Ceurremans als kreativen Trommler und William Bruce Kollmar als tiefgründigen Bassisten. Und Titel wie „When  You Were Mine“, „Never Forget“, „Stranger In A Stranger’s Clothes“, „Out Of The Deep“ und „Heroine“ sind federleicht wie die Flügelschläge der Vögel, die das wunderbare Coverartwork zieren. Und desgleichen von einer zurückhaltenden Zugkraft wie das Flugzeug zwischen den Baumwipfeln. Der Traum vom Fliegen wird wahr, weil hier jeder Song ein Treffer ist! Dabei entsteht wie von selbst und scheinbar mühelos das große Ganze. Bereits beim ersten Durchlauf  nimmt das Album Gestalt an, die nach mehreren Hörsitzungen geradezu in die Höhe schnellt. Klarer Fall für die Jahresendabrechnung!


ROADTRACKS #44


Dan Mangan + Blacksmith – Club Meds (City Slang / Universal)

 

Dan Mangan gehört zu jener Sorte Singer/Songwriter, die sich ständig weiterentwickeln. Zwischen den Koordinaten Indie-Pop und Folk-Rock hat er sich bisher bewegt, nun fügt er ein Stück Art-Pop hinzu und setzt sich damit noch weiter von allzu gefälligen Folk-Pop Interpreten ab. Bereits der Opener „Oefred“ kommt mit Störgeräuschen daher, die sich in eine Art coolen Folk-Jazz verwandeln. Auch „Vessel“ schichtet Klanglandschaften, in denen sich verstörende Flötentöne, vertrackte Rhythmen und Free Jazz Bläser ineinander verhaken. Dagegen ist „Mouthpiece“ geradezu eingängig, dennoch dunkel rumorend und dräuend vorantreibend. „A Doll’s House/Pavlovia“ und „Kitsch“ basieren auf finsteren Bassläufen, scheinen gleichmütig vor sich hinzumurmeln, doch unter der blubbernden Schicht lauert eine unbestimmte Gefahr. „XVI“  hat einen seltsam meditativen, aber auch einen schleppenden Charakter, der von einer versöhnlichen Streicher- und Bläserschicht überzogen wird, bittersüß! „War Spoils“ brodelt scheinbar ruhig vor sich hin, schwillt an und wieder ab, mittendrin der nahezu monotone Bariton Dan Mangans. Dem mysteriösen „Forgetery“ folgt der dunkel funkelndeTitelsong. „Pretty Good Joke“ ist eine Art Elektro-Folk und das finale „New Skies“ in der Tat himmelsöffnend, eine Befreiung mit windschief klangmalernden Bläsern. Dass Mangan nun mit dem Zusatz bzw. der Begleitgruppe Blacksmith antritt ist kaum verwunderlich, denn die Musiker übernehmen tragende Rollen. Selbst der Bandname ist Programm, denn diese in Schwarz geschmiedeten Songs klingen in einigen Passagen als hätten Joy Division in der Gegenwart eine Folk-Rock-Platte eingespielt. „Club Meds“ ist ein Album, mit dem man sich lange beschäftigen kann und sollte, es verlangt dem Hörer uneingeschränkte Aufmerksamkeit ab. Wer zuhören kann, wird belohnt und entdeckt die Schönheit hinter bzw. in der Verstörung!

ROADTRACKS #44


Cracker – Berkley To Bakersfield (Freeworld / H’art)

 

Den Roadtracks-Lesern dürfte David Lowery kein Unbekannter sein. Camper Van Beethoven haben längst Kultstatus und konnten in den letzten Jahren auch wieder mit neuen Alben überzeugen. Auch Lowerys Solo-Platte „The Palace Guards“ war ein Treffer. Über zwanzig Jahre liegt die Gründung der Band Cracker zurück, die von Lowery und Gitarrist Johnny Hickman seinerzeit ins Leben gerufen wurde. Das Besondere am neuen Album ist erstmal der Umstand, dass sie nach vielen Jahren wieder in Originalbesetzung angetreten sind. Das heißt, dass neben Lowery und Hickman Davey Faragher und Michale Urbano wieder mit von der Partie sind. Dabei muss die Lust und Spielfreude groß gewesen sein, denn der geneigte Cracker-Fan kommt mit „Berkley To Bakersfield“ in den Genuss eines Doppel-Albums mit insgesamt 18 Songs. Es wird also geklotzt und nicht gekleckert im Hause Cracker. Geklotzt wird auch auf der ersten Disc, die zwar im typischen Bandsound daherkommt, der hier jedoch um klasse Power-Pop  sowie prima Pub- und Country-Rock erweitert wird. Es ist eine Freude den twangenden, nach vorne drängenden Stromgitarren zu lauschen und der unverkennbaren Stimme von Lowery. Die Rhythmusgruppe hat Wumms, spielt variabel und tight auf. Zudem sind die Songs schmissig und mit pfiffigen Melodien versehen. Auf Disc 2 überwiegen die Country-Anteile und der Rock tritt weitestgehend in den Hintergrund. Bass und Drums spielen nun federnd-beschwingt auf und wiederholt zieht eine Pedal Steel ihre herzerwärmenden und infizierenden Kreise. In Sachen Songwriting und Umsetzung ist auch diese Scheibe erste Sahne. Der Hörer darf so je nach Stimmungslage mit der einen oder anderen Disc vorliebnehmen. Als Gesamtpaket ist „Berkley To Bakersfield“ so gut geworden, dass einem die sagenhaften ersten beiden Alben „Cracker“ (1992) und „Kerosene Hat“ (1993) wieder in den Sinn kommen. Ob David Lowery solo, mit Camper Van Beethoven oder Cracker, die 10er präsentieren bislang Platten in Höchstform!

ROADTRACKS #44


A Place To Bury Strangers – Transfixiation (Dead Oceans / Cargo)

 

Seit 2007 traktiert uns die US-Band A Place To Bury Strangers mit einer kruden Mischung aus Shoegaze-, Noise-, Psychedelic- und Space-Rock. Nach ihrem selbstbetitelten Debütalbum veröffentlichten sie 2009 „Exploding Head“ und 2012 „Worship“. Und nun „Transfixiation“, das seinen Vorgängern in nichts nachsteht. Sie gehen wieder in die Vollen, was bei den New Yorkern bedeutet, dass sie die Fuzz Pedale bis zum Anschlag durchtreten und einen Wall of Noise zum Besten geben, der bei genauerem und mehrmaligem Zuhören auch Melodien preisgibt. Auf „Transfixiation“ werden sogar für ihre Verhältnisse etwas zurückgenommene Lärmorgien veranstaltet, so dass einige Titel Richtung Joy Division weisen, auch am Grabesgesang von Oliver Ackermann festzumachen. Zudem werden hier The Jesus And Mary Chain, My Bloody Valentine, Suicide und The Brian Jonestown Massacre zitiert. Am Ende klingt es nach A Place To Bury Strangers, denn sie hatten bereits mit ihrem Debüt ihren Sound gefunden, der nun mit jedem weiteren Album ausformuliert wird. Wer sich einmal die Mühe gemacht hat, den ohrenbetäubenden Lärm, das harsche Feedback und die mächtigen Rhythmen zu durchforsten, wird dahinter eine Schönheit entdecken, die auch das zweite Velvet Underground Album „White Light White Heat“ offenbart. Für Liebhaber der hier genannten Bands ein Freudenfest

ROADTRACKS #44


Andy Dale Petty – Frick’s Lament (Voodoo Rhythm)

 

Banjo, Gitarre, Gesang und ein wenig Drums. Mehr braucht Andy Dale Petty aus Georgia, Alabama nicht, um seine Songs dem einschlägigen Publikum zu präsentieren. Auf seinem zweiten Album für das schweizerische Label Voodoo Rhythm kehrt der Amerikaner wieder seine schlichte Seite hervor. Manchmal zieht er bei seinen Auftritten einen Schlagzeuger und zweiten Gitarristen hinzu, soweit es seine finanzielle Situation erlaubt. Für „Frick’s Lament“ tritt er fast als purer Troubadour an und macht keinen Hehl daraus, dass hier die Tradition von Woody Guthrie und Mississippi John Hurt in die Gegenwart transportiert wird. Die zwölf Titel wurden während einer Tour im italienischen Inside Outside Studio aufgenommen und zeigen auf, dass schlichte Folksongs auch im Jahr 2015 funktionieren. Andy Dale Petty spielt virtuos und geschmeidig seine Saiteninstrumente. Seine Stimme wirkt zunächst unauffällig, entfaltet ihre Qualitäten jedoch nach und nach. Er streut einige Instrumentals, die den Zuhörer zurücklehnen lassen und ihm sowohl Natur- als auch Seelen-Landschaften ins Kopfkino projizieren. Andy Dale Petty bietet 30 kurzweilige Minuten für alte und junge Folkies! Er hat zwar nicht die Pop-Affinität eines Jake Bugg, dafür Traditionsbewusstsein, Witz, Spielfreude und viel Engagement. Feine Sache!

Dos And Dust – Cape Disappointment  (Eigenproduktion)

 

Dass das Duo Dos And Dust eine Österreich-Bayern Kombination ist, lässt sich an allem anderen als ihren Songs ablesen. Mit dieser EP spielen sie sich in die Herzen der Liebhaber von Folk. Folk im Sinne von The Marble Man oder der Kings Of Convenience, letzteren die Speerspitze der Quiet is the new loud Bewegung. Nur selten ziehen Sebastian Müller und Michael Schmuck an der lauten Schraube, vielmehr zupfen und streichen sie sanft und zart die Saiten von Gitarren, Ukulele und Geigen. Hin und wieder eine stimmungsvolle Mundharmonika, ein Unheil verkündendes Cello und nicht zuletzt die wunderbar hell tönenden Stimmen der Beiden, ergeben in der Summe vier atmosphärisch-schöne Songs, die zum Schwelgen und wiederholten Hören einladen. Kein Kap der Enttäuschung, sondern poetisch-verträumte Hoffnungslieder auf und für eine bessere Zukunft!

Roadtracks #43

Sean Rowe – Madman (Anti / Indigo)

 

Wenn ein Künstler ein Meisterwerk aufgenommen hat, fürchten Publikum wie Kritiker das Nachfolgealbum und fragen sich ob es denn mit dem Vorgänger zumindest mithalten kann. „The Salesman And The Shark“ gehört zu jenen Alben, die in die Tiefe gehen, einem Gänsehaut bereiten und schließlich bei den Insel-Favoriten landen. Die weitreichenden Arrangements, die ausgeklügelten Songs und nicht zuletzt die unglaubliche, unverwechselbare Baritonstimme von Sean Rowe waren hierfür verantwortlich. Jene Stimme ist auch auf „Madman“ allgegenwärtig und sorgt für jene eigenständigen Momente, die musikverrückte Menschen wie du und ich immer wieder von neuem suchen. Rowe hat dieses Mal weniger die Arrangements ins Zentrum gerückt, vielmehr war es ihm ein Anliegen die emotionale Kraft seiner Live-Auftritte ins Studio zu transportieren. Die Produktion hat er in die eigenen Hände genommen und bei den Songs vor allem Gitarre und Stimme in den Vordergrund gestellt. Ein gelungenes Unterfangen, denn der emotionale Funke springt auf den Hörer über und Rowe versteht es einen in Bann zu ziehen. Auch wenn das aktuelle Album nicht ganz an den Vorgänger heranreicht, bleibt es für Sean Rowe Anhänger eine mehr als angenehme Pflicht jenem „Madman“ wiederholt zu lauschen. Diese Stimme: Ein schwarzes samtenes Bett, das zum Reinlegen einlädt!

Roadtracks #43

Easton Stagger Phillips – Resolution Road (Blue Rose Records)

 

Das Trio Easton Stagger Phillips (ESP) hat den Vorteil mit drei gestandenen Singer/Songwritern quasi selbstredend für Abwechslung zu sorgen. Dass alle Drei bereits mehrere Jahre bei Blue Rose Records unter Vertrag sind, spricht für Bodenständigkeit und hohe Qualität. Nachdem ESP ihr Debüt „One For The Ditch“ ziemlich spontan in Front Porch Atmosphäre einspielten, wurde für „Resolution Road“ geplanter vorgegangen. Zum Start präsentiert Evan Phillips (The Whipsaws) mit „Always Come Back To You“ einen sehnsüchtigen von Akustikgitarre und Piano getragenen Americana-Folk-Rock-Song mit einer eingängigen und überaus schönen Melodie. Zudem hat er mit seinen Americana-Pop-Songs „Lucilla“ und „Begin“ zwei weitere Asse im Ärmel. Leeroy Stagger, der zuletzt mit „Truth Be Sold“ ein Hammeralbum veröffentlicht hat, überzeugt hier mit dem leichtfüßigen „Traveller“, einem aufschürfenden „Life Of Crime“ und dem Rockabilly-Schleicher „Hwy Is My Home“. Der dritte und erfahrenste im Bunde ist Tim Easton, der mit „Stay“ und „So Much In Tune“ seine sonnigen, an CSNY mahnenden Seiten hervorkehrt. Auf „Those Good Times (LMSU)“ bietet er allerfeinsten Songrwiter-Pop und „Baby Come Home“ weist gar Beatles Qualitäten auf. Was allen Titeln gemein ist: Die süffig-sonnigen Chorstimmen, die mit den jeweiligen Lead-Vokalisten ein rundes Bild abliefern. Hinzu kommen versierte Studiomusiker, die dem Trio nicht nur Rückhalt geben, sondern gekonnte Melodie- und Rhythmussequenzen beisteuern. Unterm Strich: Ein sehr stimmiges, Laune versprühendes Album!

Roadtracks #43

The South Austin Moonlighters – Burn & Shine (Blue Rose Records / Soulfood)

 

Um dieses Album zu besprechen, bedarf es eigentlich nur Bandname, Plattentitel und Label zu benennen. Hilfreich wäre noch den legendären Saxon Pub zu erwähnen, in welchem The South Austin Moonlighters die ein oder andere Show spielten und schließlich eine privat herausgegebene Live-CD zimmerten. Die Mitglieder sind dennoch alte Hasen, waren und sind in anderen Bands wie z.B. Whiskey Sisters, Mother Truckers, Monte Montgomery und Deadman, um nur einige zu nennen. The South Austin Moonlighters fanden beim SXSW in Austin zueinander und spielten zunächst aus Spaß an der Freude zusammen. Weil alles so gut harmonierte, wurde nach besagter Live-Platte ein Studioalbum in Angriff genommen und voila, here it is: „Burn & Shine“. Tja und da brennt die Sonne und scheint der Mond auf Southern- und Roots-Rock, auf New Orleans R&B, der auch mal funky daherkommen darf und selbst Blues und Rockabilly  sind lediglich eine Cowboystiefelspitze entfernt. Muss noch erwähnt werden, dass auch die Schublade Texas- oder Country-Rock taugt? Freunde von John Fogerty bis zur Allman Brothers Band werden bei den 15 Titeln mit der Zunge schnalzen, in die Erde stampfen, das wenn noch vorhandene Haupthaar schütteln oder einfach lässig mit den Füßen wippen. „Burn & Shine“ macht gute Laune, ist bodenständiges Handwerk, das die Kunst der homogenen Stilvielfalt beherrscht und hat mehrere Ohrwürmer und Gassenhauer, die im Gedächtnis bleiben. Ein Rock’n’Roll Feuerwerk!

Roadtracks #43

The Howlin‘ Brothers – Trouble (Continental Rose Records)

 

Keine Blutsbrüder, aber Brüder im Geiste sind The Howlin‘ Brothers, die zu den Americana String Bands gerechnet werden müssen. In ihren Ansätzen sind sie den Avett Brothers, Old Crow Medicine Show und The Felice Brothers nicht unähnlich. Dabei bringen sie Genres wie Folk, Blues, Country, Jazz, Bluegrass und Rockabilly auf einen Nenner, wobei ihnen das Kunststück gelingt, jene traditionellen Stilmittel frisch und unverbraucht zu präsentieren. Zu den Höhepunkten zählt das mit Country-Fiddle und Hawaii-Gitarre schmachtende „World Spinning Round“  sowie das gemütvolle und im Rhythmus trabende „Sing A Sad Song“, das mit allerlei Saitenspielereien und eindringlicher Singstimme überzeugt. Wiederholt variieren sie von Stück zu Stück das Tempo, so dass der Zuhörer bei der Stange bleibt und keine Langeweile aufkommen kann. Zudem werden die Gesangsparts unter dem Trio aufgeteilt. An Instrumenten haben Ian Croft,  Ben Plasse und Jared Green Banjo, Mandoline, Fiddle, Kick Drum, Kontrabass, akustische und elektrische Gitarre, Mundharmonika und Piano im Gepäck. Woraus sie jenen locker-gekonnten Stilmix formen, der einerseits zum Mitwippen, andererseits zum sehnsüchtigen Schwelgen einlädt. Mit ihrem fünften Album gehören The Howlin‘ Brothers zu den ersten Acts der Kooperation zwischen den niederländischen Continental Record Services und Blue Rose Records. Drei Geistesbrüder im Zeichen einer kontinentalen Rose, wenn das mal nicht ein gutes Omen für die Zukunft ist.

Roadtracks #43

Roy And The Devil’s Motorcycle – Tino – Frozen Angel Film Soundtrack (Voodoo Rhythm / Cargo)

 

Bei dem Bandnamen mussten sie ja mal einen Biker-Soundtrack einspielen. Wobei die Schweizer Formation Roy And The Devil’s Motorcycle eigentlich nicht viel anders macht als auf ihren vorangegangenen Alben. Psychedelic-, Biker- und Space-Rock waren schon immer ihre Zutaten, jedoch mit einer radikalen Haltung und Vorgehensweise, die seinesgleichen sucht. Die drei Stähli Brüder (alle Gesang und Gitarre) wechseln zwar alle paar Jahre den Schlagzeuger, nicht aber ihren extremen Stil, der von Martin Rev (Suicide), Acid Mother Temple, Sonic Boom und Spiritualized geschätzt wird. Geradezu prädestiniert waren sie für den Film Soundtrack „Tino – Frozen Angel“, der die Geschichte des schweizerischen Hells Angels Bosses erzählt. Wie kein anderer verkörperte dieser den Schweizer 68er Traum von Freiheit und Selbstverwirklichung. Ein Traum, der zum Alptraum wurde und über verschiedene Gefängnisaufenthalte das Ende mit Tinos mysteriösem Tod in Bolivien 1981 fand. Die Dokumentation erzählt in beeindruckenden Archivbildern und Interviews mit Zeitzeugen eine revolutionäre Geschichte, die mit einem verstörenden Soundtrack von Roy And The Devil’s Motorcycle die Filmbilder lebendig werden lässt und ihnen gar eine neue Dimension hinzufügt. Fetzen aus lärmenden Feedback-Gitarren, Stimmen, kriechender Psychedelic-Blues, Klang-Kaskaden, beunruhigende und brodelnde Soundsplitter fügen sich mit den bewegten und bewegenden Bildern zu einem Gebilde, das Hippie- und Rebellentum, Autonomie, Anarchie und den Wunsch nach Freiheit widerspiegelt. Ein Trip durch Zeit und Raum, der lange in einem nachhallt. Das Vinyl Album komm mit CD + DVD + Movie Poster, die CD-Version ebenfalls mit DVD.

Woomera – Woomera (CD-Single, 2014)

 

Eine neue Band aus Ulm namens Woomera hat eine DIY CD-Single mit zwei Stücken im Gepäck. Mit einer Gesamtlänge von beinahe 14 Minuten geht diese auch gut und gerne als EP durch. Auf ihrer Facebook-Seite ordnen sie ihre Musik unter Stonerrock ein. Das über 7 Minuten andauernde „My Reasons“ zeigt bereits das Talent des Quartetts aus der Münsterstadt. Mit Monsterriffs, die Richtung Black Sabbath weisen starten sie den Titel und schicken ihn schließlich auf eine Psychedelic-Rock-Reise, deren Haltestationen die Namen Jimi Hendrix, Wipers, Iron Butterfly, Queens Of The Stone Age und Sonic Youth tragen. Dabei finden sie durchaus ihre eigenen Noten, wozu der somnambule Gesang von Simon Besenthal beiträgt, aber auch dessen und Nikita Mironovs Stromgitarrenspiel. Nicht minder essentiell das Zusammenspiel von Bassist Daniel Janus und Schlagzeuger Dario Schmid, die nicht nur stur Rhythmus klopfen können, sondern gerade das filigran-feinsinnige Agieren beherrschen. Lediglich der Gesangspart zu Beginn des zweiten Songs „Cross The Line“ wirkt nicht ganz stimmig, was sich im Verlauf des Titels erledigt, denn Besenthal findet zu seinem nachtwandlerischen Stil zurück, der von klirrend-twangenden Gitarren flankiert wird. Bass und Schlagzeug sind psychedelisch gestimmt, flirten förmlich mit den Gitarren bis man wirklich die Grenze überschritten hat und sich im Woomera-Land des schillernden Coverartworks widerspiegelt. Ziemlich guter Anfang des Ulmer Quartetts, das hoffentlich bald mit einem Album nachlegt!

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Hawelka – Spiegel der Zeit

 

Hawelka sind ein Trio aus Stuttgart, das sich um den tschechischstämmigen Liederschreiber Petr Novak formiert hat. Die Orgel spielt Jan Georg Plavec und das Schlagzeug Christian Seyffert. Seit 2007 tüfteln sie an ihrem Sound, der schließlich auf der Debüt-EP „Zuversicht und Kippen“ erste Konturen annahm. Und jetzt blicken die Drei in den „Spiegel der Zeit“, so der Titel ihres neuen Werks. Das Presseinfo sagt: „Ein Album wie ein Roadtrip nach Osteuropa mit Jim Morrison auf dem Beifahrersitz und einer Buddel Schnaps im Handschuhfach.“ Dementsprechend wird hier Rock mit Blues und osteuropäischer Polka vermengt. Dazu kann wahlweise das Tanzbein geschwungen werden oder die melancholische Seele mit Hochprozentigem getränkt werden.

 

Dem Trio gelingt das Kunststück das allzu Folkloristische außen vor zu lassen und dabei die Tür zur „Whiskey Bar“ der Doors weit aufzustoßen. Zudem wagen sie es mit ihren Texten „bis ans Ende der Nacht“ zu gehen. Deutschsprachige Bands neigen eigentlich eher zu einer intellektuelleren Herangehensweise, wobei oft die Poesie auf der Strecke bleibt. Diese wird bei Hawelka ausgekostet, da regnet es „Rosenstaub“ oder es wird eine „Kanufahrt“ unternommen. Der osteuropäische Zungenschlag, mit dem Sänger Petr Novak die deutschen Texte singt, ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig, stellt sich jedoch als Ass im Ärmel des Trios heraus und entpuppt sich letztlich als Aushängeschild und Alleinstellungsmerkmal.

 

Jan Georg Plavec spielt eine Ray-Manzarek-The-Doors-Gedächtnis-Orgel, bringt das Psychedelische und Kunstfertigkeit zusammen. Schlagzeuger Christian Seyffert kann sowohl die Polka rumpeln als auch punktgenaue Rock-Rhythmen setzen. Petr Novaks Gitarre versteht es Blues, Pop und Rock auszutarieren und kommt dabei ganz ohne Manierismen aus. Hawelka sind mit ihrem Album eine neue Hoffnung für die deutschsprachige Pop-Musik und sollten es eigentlich schaffen weit über den Stuttgarter Raum hinaus bekannt zu werden. Das Potential ist jedenfalls vorhanden!

 

Das Album kann auf der Homepage von Hawelka als Vinyl oder CD erworben werden sowie auf Konzerten der Band. Zudem im Schallplattenhandel bei Ratzer Records und Second Hand Records in Stuttgart.

Anhören kann man es hier

Songs To The Siren – 3

 

Eigentlich sind wir ja noch mit dem wunderbaren „Treetones“ von Waiting For Louise beschäftigt, doch der nimmermüde Michael Mann schüttelt 2014 sein bereits zweites Ass aus dem Ärmel und legt mit seiner Projektband Songs To The Siren das Album mit einem gewohnt schlichten, durchnummerierten Titel, hier folgerichtig „3“, vor. Die Anhängerschaft von Tim Buckley weiß natürlich um den Songtitel gebenden Bandnamen und dass Songs To The Siren auf ihrer ersten Veröffentlichung ausschließlich Tim Buckley gecovert hatten. Dies änderte sich bereits auf dem vorzüglichen „2“, als sie neben jenem Ausnahmekünstler auch Nick Drake, John Martyn und Amon Düül II interpretierten.

 

Messer und Löffel

 

Auf ihrem dritten Werk reichen sich jeweils drei Nick Drake und drei Tim Buckley Versionen die Hand, zudem setzten STTS ihre Krautrock-Cover Tradition dieses Mal mit den legendären Can fort. Dabei nehmen sie sich gleich deren bekanntesten Titel „Spoon“ vor, der seinerzeit dem Francis Durbridge Klassiker „Das Messer“ sein musikalisches Gesicht verlieh. Songs To The Siren interpretieren jene Nummer zwar nicht völlig neu, verpassen ihm jedoch einen anderen Charakter. Aus Space-Rock wird hier Folk-Rock mit den typischen STTS Zutaten. So ersetzen sie bspw. die elektronischen Elemente mit geheimnisvoll beschwörenden „Hahas“ aus dem Munde von Michael Mann und hinzu kommt das wohlbekannte zirpende Saitenspiel, das hier mit rumorend-rumpelnder Rhythmik unterfüttert wird. Dazu malt das indische Harmonium mit einer exotischen Klangfarbe.

 

Nick Drake: Ein Ort, ein Ding, ein Parasit

 

Zu Beginn platzieren STTS drei Nick Drake Songs, von denen das herrliche „Place To Be“ den Anfang macht. Dabei tauchen sie das Original in ein neues Licht mit flüssig-weichen und hellen Akustikgitarrentönen, die im Verlauf mit einer zwingenden Lee-Underwood--Gedächtnis-E-Gitarre (gespielt von Frank Preuß) flirten dürfen. Eine besondere Rolle nimmt Mathias Schüller (Schlagzeug, Perkussion) auf „One Of These Things First“ ein. Er lässt den Trommelstöcken ziemlich freien Lauf, den auch zeitweise Bassist Peer Sitter seinen vier Saiten gewährt. Michael Mann übernimmt als Sänger und Akustikgitarrist die Rolle der Verknüpfung von Melodie und Rhythmus. „Parasite“ leuchtet in den hellblauen bis dunklen Farben des Covermotivs und fasziniert mit feinsinnigen Klangfiguren.

 

Tim Buckley: Der Fluss ins Glück und das Sirenenlied

 

„The River“ gerät zum Fluss ins Glück, denn wie hier E- und A-Gitarre, Bass, Drums und das wie Sonnenlicht auf Wasser glitzernde Pianospiel (Peer Sitter) auf poetische Weise miteinander kommunizieren, ist ganz große Kunst. Dazu raunt und klagt Mann voll wehmütiger Inbrunst. „Happy Time“ macht das Hörers Glück perfekt, tänzelt leichtfüßig in die Melancholie, in die der „Song To The Siren“ getaucht wird. Im Gegensatz zum Original interpretieren die Männer vom Niederrhein etwas zurückgenommener, beinahe in sich gekehrt, lassen die Töne hauchzart an die Oberfläche, so dass die nach und nach beinahe verschwindende Singstimme umso aufmerksamer vernommen wird.

 

Wiederholt ist es auch der Raum zwischen den Noten, das luftige Klangbild, das wie ein Sauerstoffzelt diese Aufnahmen umhüllt und diese Platte zu einem Genuss werden lässt. Auch ein Verdienst von Tonmeister Mark Seidel, der hier ganze Arbeit geleistet hat, so wie alle an diesem wunderbaren Projekt Beteiligten. Nach „Treetones“ eine weitere Großtat aus dem Hause Michael Mann!

 

Das Album "Songs To The Siren 3" kann hier käuflich erworben werden

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ROADTRACKS # 41

Vier Ohren / Zwei Meinungen (Kritiken von Heino Walter und Günter Ramsauer)

Waiting For Louise – Treetones

Eigenvertrieb: www.waiting4louise.de

Setzte das letzte WAITING FOR LOUISE Album ROADSONGS FOR THE BUSINESS CLASS von 2010 bei mir noch einen Schwall von Assoziationen frei, so ringe ich bei TREETONES damit, die Aufnahmen in einen Zusammenhang im Pop-Universum zu bringen. Zu eigenständig, unabhängig und beständig gereift ist die Band, um sich plump zu- und einordnen zu lassen. Bisher konnte man sich immer noch mit „Americana im weitesten Sinne“ herauswinden, wenn es um eine schnelle Beschreibung gehen sollte. Aber TREETONES sprengt selbst solch eine weit gesteckte Markierung.

W4L bestand bei den neuen Aufnahmen aus Mastermind MICHAEL MANN (Gesang, akustische und Bariton-Gitarre, Banjo, Mundharmonika und Harmonium), DETLEF GOCH (Drums & Percussion), JOHANNES LEHMANN (Bass) und UTE RETTLER (akustische und elektrische Gitarren und Mandoline). Ein eingespieltes Team von Amateurmusikern, die wie Vollprofis klingen. Harmonisch, akzentuiert, flexibel und kreativ schaffen sie Stimmungsbilder, die anregend sowie phantasie- und geschmackvoll umgesetzt werden. Eigentlich verbietet es sich, dieses Gesamtkunstwerk durch profane Worte zu sezieren, denn das Konstrukt wirkt unantastbar. Andererseits ist es ein Genuss, über diese Musik zu philosophieren, weil sie so tief berührt und so inspirierend aufgebaut ist.

Die selbstgebrannte CD umfasst 7 Lieder in 45 Minuten. Man lässt sich also Zeit bei der Umsetzung und spielt alle Trümpfe aus, die unabhängig tätige Musiker ausspielen können. Die Band ist keinem Druck und keinen externen Verpflichtungen ausgeliefert. So muss das Ergebnis nur den eigenen Qualitätsansprüchen genügen und die sind aufgrund des großartigen Back-Kataloges enorm.

Und trotzdem hat das Musiker-Kollektiv mal wieder alles richtig gemacht. Bei SOME PEOPLE fügen sich alte Texte mit neuen Ideen zu einer Geschichte, die aus zwei Blickwinkeln erzählt wird, zusammen. Auch die Musik schöpft aus verschiedenen Quellen. Leichte Jazz-Tendenz herrscht beim Rhythmus vor. Die Melodie hat ihre Wurzeln im Folk, lotet aber die Grenzen dieses Stils großzügig aus.

Die Geschichte eines nur suboptimal abgelaufenen Rendezvous erzählt augenzwinkernd BALLAD OF BLITZEN TRAPPER & THE SCORPIONS. Die gewählte musikalische Untermalung entzieht sich herkömmlichen Kategorisierungen. Das Erzählerische steht im Vordergrund. Die Band unterstützt dies mit Gitarrenspuren, die sowohl im Psychedelic- wie auch im Alternative-Rock zuhause sein könnten. Das Glockenspiel sorgt für eine aufhellende Komponente bei dieser ernsthaft vorgetragenen Geschichte.

Mit SONG TO A TATTLER covern sich W4L selbst. Das Lied wurde schon 2008 auf dem Album NEW TRICKS FOR OLD DOGS veröffentlicht. Sie geben dem Song eine vollständig neue Ausrichtung, so dass man zunächst nur am Text erkennt, dass es derselbe Titel ist. Der ursprünglich akustisch ausgelegte dynamische Folk-Song bekommt in der Überarbeitung eine elektrische Basis und mutiert dadurch zu einem flirrenden Klanggebilde. Das ist die hohe Kunst der Interpretation, solch einen Abstand zum Original zu finden.

SEQUOIA TREE verarbeitet Urlaubseindrücke, die MICHAEL MANN im Sommer 2012 im Sequoia-Nationalpark in Kalifornien sammeln konnte. Er besuchte den dort vorzufindenden General-Sherman-Mammut-Baum, der der voluminöseste lebende Baum und damit das größte Lebewesen der Erde ist. Sein Alter wird auf über 2.000 Jahre geschätzt. Dieses Erlebnis führte dazu, dass sich der Text zu einer Musik, die schon fast fertig war, fast wie von selbst gesellte. Das Ergebnis ist ein grandioser psychedelischer Folk-Song, wie er eindringlicher auch nicht an der Westküste der USA Ende der 60er Jahre von GRATEFUL DEAD oder DAVID CROSBY hätte erfunden werden können. Mindblowing!

TALKING BIG hat auch schon eine längere Geschichte im Songbook von MICHAEL MANN hinter sich. Der Song stammt von seinem Blues-Rock-Nebenprojekt mit dem Namen RUSTY NAILS und erblickte schon 1992 das Licht der Welt. Der im Original überhitzte, schnelle New-Wave-beeinflusste Song wurde hier drastisch entschleunigt und bekommt als Folk-Rock im Walzertakt eine neue Identität.

Verlorene Banjo-Klänge und Regen-Geräusche leiten das melancholische I LOVE THE RAIN ein, das auch aufgrund von Inspirationen auf der USA-Reise entstand. Würde T-BONE BURNETT die Gruppe WAITING FOR LOUISE kennen, hätte er sie sicher alleine aufgrund dieses Titels zu den Sessions zum Film INSIDE LLEWYN DAVIS eingeladen. So authentisch, mit so viel Lebensgefühl variieren sie hier US-Folklore.

Das autobiographische Lied AMSTERDAM RECORD SHOP erinnert an die Zeit, als es noch individuell ausgestaltete Plattenläden gab, die die musikalische Sozialisation von Musikfreunden nachhaltig prägten. In über 9 Minuten schwelgt die Band in Erinnerungen. Das Werk ist dabei keine Sekunde zu lang, sondern verbreitet ein angenehmes laid-back-Feeling. Der Bass brummelt wohlig und sparsame Percussion hält die Spannung am köcheln. Die stoische Akustik-Gitarre sorgt für einen Wiedererkennungswert und die elektrische Gitarre setzt einen strahlenden, entspannten Hintergrund. Das zeigt Geschmack und hat Stil.

W4L sind Fixsterne am deutschen alternativen Musik-Himmel. Auf sie ist Verlass. Sie verblüffen ständig von Neuem und können auch mit TREETONES wieder auf der ganzen Linie überzeugen. (Heino Walter)

 

Waiting For Louise – Treetones (E=MC²)

 

Das Theaterstück “Warten auf Godot” von Samuel Beckett

lässt offen wer oder was Godot ist und die beiden Protagonisten sitzen neben einem Baum, um über Sinn und Sinnlosigkeit des Wartens/Lebens zu philosophieren. Noch schmerzhafter scheint es auf Louise zu warten, John Lee Hooker heulte in seinem Song „Louise“: „Yeah, you know, Louise / I ain’t had no lovin‘, not since you been gone.“ Völlig hoffnungslos auf Paul Siebels zu Tode gekommene „Louise“ zu warten: „Too bad she had to go this way / But the wind is blowin cold tonight / Good night Louise good night.“ Wir wissen nicht wie die Band Waiting For Louise zu ihrem Namen kam, Samuel Beckett und John Lee Hooker sind schwerlich mit dem Quartett vom Niederrhein in Verbindung zu bringen, der Folk-Country-Sound des vergessenen Singer / Songwriters Paul Siebel dagegen schon, wenn auch in ganz anderer Form. Paul Siebels Album „Woodmakers And Oranges“ zählt zu W4L-Frontmann Michael Manns Favoriten, erschien 1970 auf dem Label Elektra, das auch Tim Buckley veröffentlichte, der wiederum vom Waiting For Louise Sängers anderer Band Songs To The Siren gewürdigt wird.

 

Mit Waiting For Louise legt der hauptsächliche Liederschreiber Mann nun das fünfte Album vor. Was quasi als Coverband begann, hat sich längst zum besten Americana-Act in Deutschland gemausert und inzwischen covern sie sich selbst, indem sie auf „Treetones“ neben aktuell geschriebenen Songs auch altes Material neu interpretieren oder umformen und ihrem sanft gewandelten Klangbild anpassen. Nach ihrem kleinen Wunderwerk „Roadsongs For The Business Class“ erklingen nun die „Treetones“, ein Kunstwort, das ich mal ganz frei mit Baumtöne übersetzen würde.

 

Das Album startet mit „Some People“, das mit zart-zirpendem Saitenspiel und einem satten, psychedelisch angehauchten Westcoast-Groove daherkommt. Dazu raunt Mann im Refrain: „Me I’m just sitting here to figure it out / If there’s something I could do or say or try“ und lässt damit in gewisser Weise an die Figuren in „Warten auf Godot“ denken. Danach wird die “Ballad Of Blitzen Trapper & The Scorpions” intoniert mit einem speziellen und dynamischen Spannungsbogen, der sich auf „Song To A Tattler (From Room 511)“ fortsetzt. Das Herzstück des Albums bildet der „Sequoia Tree“, der Manns Begegnung mit dem General Shurman Tree in Kalifornien reflektiert und auch im vorzüglich geratenen Coverartwork festgehalten wurde. Musikalisch wird hier feinster psychedelischer Westcoast-Folk im Geiste David Crosbys geboten.  Manns Stimme erinnert wiederholt an Robert Foster (The Go-Betweens) was Intonation und Phrasierung betrifft, jedoch mit ganz eigener Stimmfärbung.

 

Ganz bedächtig und schwergewichtig schaukelt sich „Talking Big“ in Crazy Horse ähnliche Sphären. Wie in Trance tuckert anschließend das Banjo auf „I Love The Rain“ und die Titelzeile wird wie ein Mantra wiederholt, während mit musikalischen Mitteln der ersehnte heimatliche Regen hergestellt wird. Wenn der „Sequoia Tree“ das Herzstück des Albums ist, ist der „Amsterdam Record Shop“ die Lunge mit dem langen Atem, denn hier wird beinahe zehn Minuten lang über die Magie der Jugend und jenen Schallplattenladen meditiert, der keineswegs in Amsterdam, sondern im Duisburg der 70er seine Heimstätte hatte. Weniger der Ort, vielmehr ist die Erinnerung an jene unbeschwerten Tage wichtig, die hier mit tranceartigen Saitenspielereien und bedächtigen, dennoch wach klopfenden, perkussiven Rhythmen dargestellt werden. Dazu flüstert Mann seine Sehnsüchte „And I wish that it would be like Seventy-seven“ und lässt dabei jegliche weinerliche Sentimentalität außen vor. Waiting For Louise gelingt dabei ein Klanggemälde, das zwischen Westcoast-Folk-Rock und der Magie der frühen Wovenhand anzusiedeln ist, als Überbegriff dient hierbei wieder die gute alte Tante Americana.

 

Ist es Zufall oder Fügung, dass ich nach „Treetones“ den Song „Tree“ der Incredible String Band mit der Zeile „I had a tree in the dream hills where my childhood lay“ anhörte? Im Anschluss dann „Hat Of Rain“ aus dem Album „Haw“ sowie „Father Sky“ aus dem Album „Lord I Love The Rain“, beide von Hiss Golden Messenger? Schließlich „Spring Rain“ von The Go-Betweens? Vielleicht wäre es auch mal wieder an der Zeit das Ohr an einen alten Baumstamm zu halten, um dessen Geschichten und jenen Treetones zu lauschen. Oder Becketts „Warten auf Godot“ zu lesen, im kalten Winter sicherlich die bessere Variante. Dass eine so scheinbar kleine, unscheinbare Band vom Niederrhein mit ihrem neuen Album ganze Assoziationsketten in Gang setzt ist beachtlich. Wichtiger aber:  Mit „Treetones“ ist ihnen ein vorzügliches Stück Musik gelungen, ein weiteres kleines Wunderwerk, das dem Vorgänger in nichts nachsteht! (Günter Ramsauer)

 

Die CD "Treetones"kann hier gekauft werden.

 

 

ROADTRACKS # 41

 

M.C. Hansen & His Band – Live At The Brewery (Sentimental Music)

 

M.C. Hansen und seine Band kommen aus Dänemark und feiern ihr zehnjähriges Bestehen mit “Live At The Brewery“, einem nicht nur tontechnisch hervorragenden Mitschnitt. Seit 2003 ist er unterwegs und spielt im Jahr an die 120 Shows, dabei tourte er mit so illustren Interpreten wie Gurf Morlix, Ana Egge, Dana Cooper oder Sam Baker. Das vorliegende Livealbum dokumentiert eindrucksvoll die Qualitäten des Singer/Songwriters und Gitarristen, der hier in Jacob Chano (Drums), Morten Brauner (Bass) und Gitarrist Uffe Steen großartige Begleiter gefunden hat. Vom ersten Ton an verstehen es die Vier mit ihren Klängen eine dichte Atmosphäre in den Raum zu zaubern. Dabei erinnert die Herangehensweise durchaus an Hochkaräter wie Lyle Lovett oder Townes Van Zandt. Zirpendes akustisches oder stimmungsvoll elektrisches Saitenspiel trifft auf ein federndes Rhythmusgerüst und mittendrin die sanft schwingende Stimme Hansens, der mit feinfühligen und poetischen Phrasierungen überzeugt. Knapp 61 Minuten lang wird man von der Leichtigkeit, der Intensität und den Emotionen mitgezogen und fühlt sich schließlich als Teil des Ganzen. Die Liner Notes sprechen für sich: „This is folk music... it’s country music, it’s free-jazz with a redneck groove and a poetic vibe. The sound of Scandinavia in American clothes – it’s Scandicana!” Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

ROADTRACKS # 41

 

Matt Elliott – Only Myocardial Infarction Can Break Your Heart (Ici d’ailleurs / Cargo)

 

Der Singer/Songwriter Matt Elliott hat bereits unter dem Namen Third Eye Foundation elektronische Musik und Drum’n’Bass veröffentlicht. Hiervon hat er sich mit seinem aktuellen Album weit entfernt und gibt nun eine Art Folk Noir zum Besten, der mit dem 17-minütigen Eröffnungstitel „The Right To Cry“ dem Hörer einen ersten Brocken vorsetzt. Wobei die Minuten in einem schön verlaufenden Fluss vorüberziehen, das Dunkle und Melancholische manifestieren sich im tief rumorenden Viola- und Kontrabassspiel, wogegen die Akustikgitarre ein Lichtgewebe spinnt und Elliott mit sowohl tiefer als auch zärtlicher Stimme beinahe flüstert. Der Zuhörer ist berührt, folgt den fein mäandernden Melodiebögen, während sich am Firmament dunkle Cello-Wolken und geheimnisvolle Chorstimmen formieren. Sein Bariton auf „Reap What You Saw“ setzt einen dunklen Kontrast zu seinem lichten, spanisch angehauchten Akustikgitarrenspiel und das Piano lässt Sonnenstrahlen blitzen. Im Prinzip lassen sich die weiteren fünf Stücke wie die ersten beiden beschreiben und machen das Album zu einer runden Sache. Längere atmosphärische  Instrumentalpassagen sollte man schon mögen, dann steht dem Genuss nichts mehr im Wege. Zu gute gehalten werden sollten ihm auch seine ungewöhnliche Herangehensweise sowie die adäquate Umsetzung seiner Ideen. Das wirkt nicht gewollt, sondern entwickelt sich organisch und sollte eher dem Art- als Prog-Folk zugerechnet werden. Irgendwo zwischen Mark Lanegan und Alasdair Roberts sitzt Matt Elliott, spielt die spanische Gitarre und flüstert uns sonore Worte ins Ohr. Die Gefahr eines im Albumtitel angedeuteten Herzinfarkts bleibt außen vor.

ROADTRACKS # 41

 

Best Coast – Fade Away (Kobalt Label Services / Rough Trade)

 

Bethany Cosentino und Bobb Bruno sind Best Coast, die mit dem Album “Crazy For You” für Furore sorgten. Sie fanden sich plötzlich auf Bühnen mit No Doubt und Green Day wieder. Zudem wurden Duette mit Kendrick Lamar und Iggy Pop gesungen und weitere Kollaborationen mit bekannten Künstlern folgten. „Fade Away“ ist eine neue EP oder auch Mini-Album des Duos mit 27 Minuten Spielzeit und ist mehr als ein Vorbote für das neue Album, das in der ersten Jahreshälfte 2014 erscheinen soll. Bereits der Auftakt offeriert Girl-Pop/Rock, der die Sixties mit der Moderne verbindet und mit jeder Menge Elan und Spielfreude vorgetragen wird. Da blitzen die 70er in Form von Blondie-New-Wave-Elementen genau so wie Shoegazer/Dream-Pop der 80er auf. Das Besondere daran ist die Homogenität, die hier an den Tag gelegt wird und natürlich die zuckersüße, inzwischen durchaus gereifte Singstimme Cosentinos. Bobb Bruno tritt als versierter Multi-Instrumentalist in Erscheinung und die Produktion hat den notwendigen Druck. Das Klangbild ist transparent bis perfekt und so dürfen wir hier sieben Songs lang mitwippen oder das Tanzbein schwingen. Die Vorfreude auf’s neue Album ist mehr als geschürt.

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